Homöopathie im Fokus

Gastbeitrag: Wir argumentieren falsch

Wer von uns Homöopathinnen und Homöopathen hat es nicht satt: die wiederholten Angriffe der Homöopathie-Gegner auf unsere Heilkunst; das Gerede der Pseudo-Skeptiker, die keinerlei praktische Erfahrung mit Homöopathie haben, aber meinen, mit ihrem naturwissenschaftlichen Wissen auch Sicherheit darüber erworben zu haben, dass Homöopathie nicht wirke; die Behauptungen der Medien, Homöopathie sei im besten Fall nur Placebo, im schlimmsten Fall gefährliche Scharlatanerie. Wie schön wäre es da, wenn es einen wissenschaftlich akzeptierten Beweis für die Wirksamkeit der Homöopathie gäbe – und damit endlich auch die ersehnte Anerkennung.

Doppelverblindete Studien beweisen nichts

Homöopathie-Befürworter und -Gegner liefern sich seit langem einen regelrechten Krieg mit immer neuen kontrollierten Studien und Metaanalysen, die eine Wirkung belegen oder widerlegen sollen. Solche Studien werden aber den ersehnten Beweis niemals erbringen können, man kann damit eine Akzeptanz der Homöopathie nicht erzwingen. Zwingende Beweise gibt es aber leider nur in der abstrakten Welt der Mathematik. In der realen Welt der Naturwissenschaften und der Medizin hat man es immer mit Messfehlern und verfälschenden Einflüssen zu tun. Es ist hier also generell schwierig, etwas zu beweisen, und gerade die RCTs (randomized controlled trials, also Doppelblindstudien) sind in Hinsicht auf die Homöopathie ganz besonders ungeeignet dafür.

Das hat mehrere Gründe: Zum einen führt die unvermeidbare Unsicherheit, die den Ergebnissen von RCTs immer anhaftet, dazu, dass man sie nicht zwingend akzeptieren muss. Die Akzeptanz eines Forschungsergebnisses beruht letztlich immer auf dem Konsens innerhalb der wissenschaftlichen Community, dieses Ergebnis zu glauben – die Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnis ist im Grunde ein sozialer Prozess. Nun ist die Homöopathie aber für Naturwissenschaftler meist sehr unplausibel, also "schwer zu glauben". Das führt dazu, dass Ergebnisse, die für eine Wirksamkeit der Homöopathie sprechen, abgelehnt werden, egal wie qualitativ hochwertig ein RCT und wie sicher das Studienergebnis ist. Harald Walach bringt das in einem sehr lesenswerten Blogartikel mit dem Satz "Wir sind alle Bayesianer" [1] auf den Punkt. Zum anderen geht das Design von RCTs meist von einer monokausal-mechanistischen Denkweise aus und berücksichtigt Besonderheiten der Homöopathie nicht. Hier nur die offensichtlichsten Probleme:

1.    Die Studiendauer von RCTs ist meist zu kurz: Wie häufig findet man schon beim ersten oder zweiten Patientenbesuch das passende Arzeimittel?

2.    RCTs sind fixiert auf ganz bestimmte, vorher festgelegte Ergebnisparameter. Eine Teilnehmerin einer Heuschnupfen-Studie, bei der sich aber zuerst Migräne und Dysmenorrhoe bessern und erst nach Studienende der Heuschnupfen, würde negativ zum Studienergebnis beitragen.

3.    RCTs können nicht gewährleisten, dass die Bedingungen eingehalten wurden, die für einen homöopathischen Behandlungserfolg zwingend notwendig sind – wobei wir diese Bedingungen zum Teil noch gar nicht kennen. Wird bei einer RCT z.B. auf eine mögliche Antidotierung durch Kampfer geachtet? Werden die Arzneimittel richtig gelagert?

RCTs schränken mit solchen Rahmenbedingungen die Erfolgsaussichten homöopathischer Behandlungen von vornherein ein, das Ergebnis wird immer unter den Möglichkeiten der Homöopathie bleiben. Wir dürfen also nicht erwarten, dass RCTs uns in der Debatte helfen. Ob sie uns relevante Erkenntnisse für die Praxis bringen, darf ebenfalls bezweifelt werden.

Versorgungsstudien sind für Patienten relevant

Anders sieht es bei den Versorgungsstudien aus: Diese finden unter realen Alltagsbedingungen statt, d.h. die einzelnen Elemente der Homöopathie (Gespräch & Untersuchung, Analyse, Arzneimittel) werden nicht isoliert betrachtet, sondern als Gesamtheit und im bewährten Praxis-Kontext. Außerdem werden auch Parameter wie subjektiv empfundene Symptomenschwere, Lebensqualität und Zufriedenheit mit der Behandlung gemessen – also genau das, was die Patienten selbst am meisten interessiert. Und so zeigt etwa die Kohortenstudie von Claudia Witt et al. [2] einen deutlichen Vorteil der Homöopathie gegenüber einer rein schulmedizinischen Behandlung. Das ist natürlich kein Beweis für die Wirksamkeit der Homöopathie. Aber es zeigt, dass es Menschen, die zum Homöopathen gehen, besser geht – warum auch immer. Wenn ich Patient wäre, wäre diese Aussage für mich sehr bedeutsam, egal was die Homöopathie-Gegner sagen. 

Aussichtsreich: Grundlagenforschung

Es gibt noch eine andere Forschungsrichtung, die bislang zu wenig Beachtung fand: Die homöopathische Grundlagenforschung an Pflanzen, Zellen und an den Homöopathika selbst. Hier werden einzelne biologische und physikalische Effekte gemessen, deren Existenz sich aufgrund des fehlenden Placebo-Effekts und einem verringerten Einfluss des Faktors "Mensch" nicht mehr so leicht leugnen lässt wie bei klinischen Studien. Hier seien nur die Kernspinresonanz-spektroskopischen Forschungen von Jean-Louis Demangeat [3] erwähnt, der in 20-jähriger Arbeit und in mehreren Publikationen in physikalischen Fachjournalen nicht nur zeigen konnte, dass homöopathisch zubereitete Substanzen auch in Hochpotenz messbar anders sind als die Kontrollproben, sondern dass die gemessenen Veränderungen sogar mittelspezifisch sind.

Natürlich zwingen auch solche Ergebnisse niemanden dazu, die Homöopathie als wirksam zu akzeptieren, denn auch ihnen haftet – wie immer – eine Unsicherheit an. Doch darum geht es vorerst auch gar nicht. Es geht darum, mit allen uns zur Verfügung stehenden Messverfahren Daten darüber zu sammeln, wie sich Homöopathika verhalten. Mit der Zeit können wir aus den Daten vielleicht Hypothesen darüber ableiten, was in den Homöopathika passiert und warum und wie sich das in Organismen auswirkt. Daraus werden sich mit der Zeit auch praktische Erkenntnisse entwickeln, die uns in unserer täglichen Arbeit helfen. Über diese Daten müssen wir aber jetzt schon öffentlich sprechen, denn sie schwächen das "Nichts drin – nichts dran"-Argument und etablieren Zweifel an der Skeptiker-Betrachtungsweise von Homöopathika, die sich an der Physik des 19. Jahrhunderts orientiert. Die Behauptung, das Arzneimittel sei nur ein unwirksames Nichts, klingt für einen Patienten sicher viel weniger glaubwürdig, wenn er hört, dass man mit moderner physikalischer Messtechnik dennoch Besonderheiten in Homöopathika messen kann.

Darüber müssen wir reden

Versorgungsforschung und Grundlagenforschung – beide sollten stärker gefördert und ihre Ergebnisse an die Öffentlichkeit gebracht werden: Die Erkenntnisse aus der Versorgungsforschung sind unmittelbar bedeutsam für Patienten, während die Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung die Homöopathie weiterbringen und dafür sensibilisieren, dass Homöopathika tatsächlich anders funktionieren als konventionelle Pharmazeutika.

Wenn wir es schaffen würden, darüber statt über klinische Studien zu reden und dabei zu zeigen, dass wir kompetent, seriös und glaubwürdig sind, dann müssten wir uns vielleicht nicht mehr in Reaktionen auf Skeptiker-Angriffe verbrauchen und könnten zumindest teilweise die Deutungshoheit in der Diskussion über die Homöopathie erlangen. Und wenn wir dann auch noch richtig gute Homöopathie praktizieren und unsere Fälle dokumentieren, dann haben wir das Wichtigste getan, um der Homöopathie einen Platz im Gesundheitssystem der Zukunft zu sichern.

Markus Dankesreiter

Quellen:

[1] Harald Walach: Methodenlehre für Anfänger, (5) Vom Verhältnis zwischen Empirie und Theorie 1, http://harald-walach.de/methodenlehre-fuer-anfaenger/vom-verhaeltnis-zwischen-empirie-und-theorie-1/

[2] C. Witt, Keil, T., Selim, D., Roll, S., Vance, W., Wegscheider, K., et al. (2005). Outcome and costs of homoeopathic and conventional treatment strategies: a comparative cohort study in patients with chronic disorders. Complementary Therapies in Medicine, 13(2), 79-86.

[3] Demangeat, J.L. Nanosized solvent superstructures in ultramolecular aqueous dilutions: twenty years' research using water proton relaxation. Homeopathy. 2013; 102:87–105

 

 

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