Stefan Reis "Homöopathie im Fokus"

Homöopathie im Fokus

Ein Gastbeitrag von Stefan Reis

Das Jahr 2018 bietet aus Sicht der Homöopathen mindestens zwei Gelegenheiten, sich an die Ursprünge der Homöopathie zu erinnern. Da wäre zum einen der 222. "Geburtstag" der Homöopathie, Bezug nehmend auf Hahnemanns erste publizierte Erläuterung des Ähnlichkeitsprinzips im Jahr 1796. Zudem jährt sich am 2. Juli 2018 Hahnemanns Todestag zum 175. Mal.

Ohne Hahnemann und seinen Entdeckergeist gäbe es die Homöopathie vermutlich nicht. Was aber heute unter dieser Bezeichnung alles figuriert, ist nicht automatisch identisch mit der ursprünglich von ihm und seinen Zeitgenossen erarbeiteten Methode. Manches ist damit nicht einmal kompatibel.

Als ich in den frühen 1980er Jahren mit der Homöopathie in Berührung kam, war es nicht üblich, die Homöopathie in den Originalquellen zu studieren. Zwar galt Hahnemanns Organon der Heilkunst, das damals gerne als "Bibel der Homöopathie" bezeichnet wurde, als Grundlagenwerk. Man bevorzugte allerdings leichter lesbare, kommentierte Versionen; besonders verbreitet waren James Tyler Kents Vorlesungen „Zur Theorie der Homöopathie“. Die Anschaffung des zweiten "Must-have" – Kents dreibändiges Repertorium der homöopathischen Arzneimittel für 750 DM – sparten sich die meisten von uns vom Munde ab.

Wieder einige Jahre später setzte die back-to-the-roots Bewegung ein, die uns die Quellenliteratur näher brachte. Wir staunten nicht schlecht, als sich vieles von dem, was wir gelernt und als selbstverständlich "hahnemannisch" angesehen hatten, als teils drastische Abweichung von der ursprünglichen, "genuinen" Form der Homöopathie erwies. Betroffen zeigten sich alle Bereiche der Theorie und Praxis: sei es die Krankheitserkenntnis, der Begriff der charakteristischen Symptome einer Arznei, die Rolle der Gemütssymptome oder die Beurteilung des Behandlungsverlaufs. Kaum ein wichtiger Aspekt blieb unberührt. Ich kann mich erinnern, dass längst nicht alle, mit denen ich damals noch kollegialen Kontakt hatte, diese kritische Richtung einschlugen.

Nicht leichter fiel – wieder ein paar Jahre später – die Verarbeitung der Erkenntnis, dass auch Hahnemann nicht frei von Fehlern war. Der folgenreichste war wohl die Annahme, der syphilitische Primäraffekt würde unbehandelt ein Leben lang bestehen bleiben, worauf er eine komplett neue Theorie der Pathologie gründete. Tatsächlich scheint Hahnemann zeitweise das Ziel verfolgt zu haben, das Simile nicht mehr über die Individualisierung des Krankheitsfalles, sondern ausgehend von einer quasi klinischen Diagnose (Miasma) bestimmen zu wollen. Es ist Hahnemann hoch anzurechnen, dass er das Scheitern dieser Idee, wenn auch nicht in aller Offenheit, so doch zwischen den Zeilen einräumte (siehe den § 82 im Organon der Heilkunst, 6. Auflage). Nicht vergessen darf man in diesem Zusammenhang, dass die Forschungen zu den chronischen Krankheiten zugleich bedeutende Fortschritte in der homöopathischen Methodik mit sich brachten. Neben der Erkenntnis der Existenz chronischer Krankheiten wären zu nennen die Ausdehnung der biographischen Anamnese, die Wahl von Folgemitteln, die Heilung der Beschwerden in der "umgekehrten Reihenfolge", die immer weiter verfeinerte Dosierung sowie die Bereicherung der homöopathischen Materia medica auch um Stoffe, die in der Rohsubstanz unarzneilich sind.

Offenheit für Kritik, wie auch für Selbstkritik fällt uns Homöopathen oft nicht leicht. Sie zu entwickeln ist auch ein Prozess, der sich erst mit der Zeit ergibt und bei dem die eigene praktische Erfahrung eine große Rolle spielt. Anfangs ist man mehr oder weniger darauf angewiesen, das Gelehrte als zuverlässig anzusehen. Es ist aber hilfreich zu wissen, dass kein Lehrer der Homöopathie sakrosankt ist. Jede Methode, sie mag schlüssig klingen und von sensationellen Heilerfolgen flankiert werden, muss sich als praktikabel und erfolgreich in der eigenen Praxis erweisen. Tut sie das nicht, darf man sie selbstverständlich in Frage stellen. Die Fähigkeit zur Kritik und Selbstkritik muss ein Ziel der persönlichen Reifung sein. Dann ist man gewappnet, sich von den aktuell massiven und nicht immer ganz ungerechtfertigten Vorwürfen der Skeptizisten und Medien nicht verunsichern zu lassen und sie mit Sachkenntnis zu entkräften.

Stefan Reis

 

Stefan Reis ist Heilpraktiker mit eigener Praxis in Mülheim an der Ruhr, Leiter der Dynamis-Schule für Homöopathie, Autor und Gastdozent am Centre for Homeopathic Education in London.

 

 

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