Matthias Strelow

Homöopathie in Afrika: Drei Reisen von Tansania bis Sierra Leone

Diverse Projekte haben in den letzten 30 Jahren in Afrika Früchte getragen. Ob Jeremy Sherr als wohl prominentester Homöopath am Kilimandscharo, ob Organisationen wie „Homöopathen ohne Grenzen“ oder Einzelinitiativen wie das von Marie Magre mit ihrem Internat „School for Integrative Medicine“ –alle Projekte haben auf unterschiedliche Weise dazu beigetragen, dass homöopathische Therapie eine Option für Afrikaner geworden ist.

Ein kurzer Überblick zur Homöopathie in Afrika: Sie ist zum Teil schon länger eingeführt, obwohl bei weitem nicht so viel praktiziert wird wie zum Beispiel in Europa oder Indien. Zwei Einflüsse haben schon Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts Afrikaner mit Homöopathie bekannt gemacht: Französische Militärärzte und Missionare brachten Homöopathie in ihre Kolonien und Homöopathie wurde in Südafrika von englischen, holländischen und deutschstämmigen Homöopathen ins Gesundheitssystem implantiert. Heute wird sie an mehreren Universitäten exzellent gelehrt – zum Glück nicht nur für Weiße. Seit den neunziger Jahren entstanden dann mehr und mehr Initiativen in Afrika, die sich teils der Praxis, teils der Lehre der Homöopathie widmeten.

Ghana, Togo und Sierra Leone: 2016 reiste ich auf Einladung von Abatevi Aba Eklu und seiner Frau Gudrun zur Messe SISTRA-BIOECO für traditionelle Medizin nach Lomé/Togo. Ich sprach auf der begleitenden Konferenz über Grundbedingungen und Möglichkeiten der Integration von Homöopathie in afrikanische Medizinsysteme. Ich nutzte diese Reise dazu, zunächst nach Ghana und anschließend nach Sierra Leone zu reisen, um dort Projekte und Interviewpartner meiner Masterarbeit zu besuchen und Vorträge zu halten.

Ghana - Schule „PISHAM“, der Gesundheitsminister und ein Projekt in der Voltaregion 

Die „Homeopathen zonder Grenzen“ aus Holland starteten in den 1990er Jahren ein Projekt in Ghana in Abstimmung mit dem Gesundheitsministerium in der Hauptstadt Accra, das jetzt von Briten als „Ghana Project“ weitergeführt wird. Es wurden nicht nur Homöopathen ausgebildet, sondern parallel ein ganzer Gesetzgebungsprozess zur Regelung traditioneller und alternativer Medizin eingeleitet und dann auch vollendet. Leider wurde dieser Reform-Prozess kurz vor dem Abschluss den beteiligten Phytotherapeuten, Homöopathen und Pharmazeuten von Politikern und Beamten aus der Hand genommen. Dies führte dazu, dass der gesamte Bereich jetzt überreguliert ist, die Schulen hohe Qualitätsanforderungen erfüllen müssen und die Zulassung von (homöopathischen) Arzneien so erschwert wurde, dass es bis heute nicht realisiert werden konnte. Homöopathika werden lediglich registriert, können daher importiert und in der Praxis verwendet werden, sind aber der Bevölkerung nicht frei zugänglich. Für eine nachhaltige Implementierung ist allerdings die Verfügbarkeit von Arzneimitteln unabdingbar.

Unter dieser Überregulierung leiden auch die Ausbildungsstätten. Trotzdem ist es Dr. Julius Berdie und seiner Kollegin Grace Rhomes gelungen, die Schule „International School of Homeopathy & Alternative Medicine (PISHAM)“ in der Hauptstadt Accra aufzubauen. Aber auch wegen des großen organisatorischen Aufwands (und dies schließt die Studenten ein), sind die Schülerzahlen klein. Hinzu kommt, dass insbesondere in Accra viele Praxen „Homöopathie“ in allen denkbaren Varianten und fließenden Übergängen zu anderen Therapien anbieten: Komplexmittel, radionisch hergestellte Arzneimittel etc. Diese mangelnde Profilierung der Homöopathie war dann auch ein Thema in dem Gespräch mit dem Gesundheitsminister. Er war sehr gut vorbereitet, kannte die Kritik an der Homöopathie und war doch nicht dagegen. Er mahnte allerdings an, dass die Homöopathen sich klar von Gesundbetern absetzen müssten. (…)

Dann besuchte ich „Emperor“ im Osten Ghanas: Was für ein Erlebnis! Nach stundenlanger Fahrt mit dem Bus durch die Savanne am Fluss Volta stieg ich mitten in der Landschaft aus und wurde von ihm abgeholt. Er ist ein unglaublich herzlicher und agiler, trotzdem entspannter, 60-jähriger Homöopath aus dem Volk der Ewe, der an den Kursen der Holländer teilnahm. In der Voltaregion konnte ich erleben, welch ein Segen Homöopathie in ländlichen Gebieten sein kann – zunächst erst einmal auf die Art, die man als Homöopath fürchtet: Seine Schwester war vor kurzem mit einem „milden“ Schlaganfall aus dem Krankenhaus entlassen worden. Sie konnte weder sprechen noch essen noch hatte sie Stuhlgang und konnte nur mit Hilfe gehen. Emperor hatte zwar ihren Zustand zunächst mit einigen typischen Mitteln für Apoplex mildern können, aber nun ging es nicht mehr weiter. Normalerweise lehne ich Behandlungen in diesen Ländern wegen der interkulturellen Problematik ab, aber hier konnte ich es einfach nicht. Zum Glück hat die konstitutionelle Verschreibung von Veratrum dann wirklich alles gebessert, eine Woche später erzählte Emperor leicht genervt, dass sie nur noch telefoniere.

Er betreibt sozusagen „mitten in der Pampa“ – nochmal eine Stunde Fahrt von dem Bus mit dem Motorrad entfernt – ein Gesundheitszentrum in einem Dorf, in dem auch zwei Schulmediziner arbeiten. Jetzt hat Emperor noch ein zweites Zentrum in einem anderen Dorf aufgebaut, in dem dann zusätzlich Homöopathen ausgebildet werden.

Togo: Koloniales, eine Exkursion, eine Messe und ein integrativer Ansatz

In Togo gibt es nur wenige praktizierende Homöopathen. (Hinweis der Redaktion: Mehr dazu im vollständigen Artikel in „Homöopathie Konkret“) Einer der Schüler der „Homöopathen ohne Grenzen“, der Phytotherapeut Abatevi Aba Eklu, hat nun zusammen mit seiner Frau Gudrun, Ärztin, das „Centre Omnithérapeutique Africain“ (COA), eine offiziell anerkannte Hochschule für konventionelle und nichtkonventionelle medizinische Wissenschaft und Praxis, vor den Toren Lomés gegründet. In diesem Zentrum werden traditionelle, auch homöopathische, und konventionelle Behandlungen angeboten, im Respekt der Grenzen jeder Therapieform. Denn wenn es auch Ähnlichkeiten zwischen traditioneller und homöopathischer Behandlung gibt, sagt Rwangabo (1993) zu recht: „Wir betonen hier, dass zufällige Ähnlichkeiten im therapeutischen Herangehen und der Einschätzung der Persönlichkeit nicht dazu berechtigen, die traditionelle Medizin durch die Homöopathie zu assimilieren.“ Diese Befürchtungen scheinen in französischsprachigen Gebieten noch stärker ausgeprägt zu sein.

Zusätzlich verfügt das großzügig angelegte Zentrum über eine relativ große Anzahl diagnostischer Verfahren. Hier wird aber nicht nur behandelt, sondern auch ausgebildet. Diese Studenten traf ich dann auf der Messe der COA „Salon International des Savoirs Traditionnels et Bioeconomiques SISTRA-BIOECO“, auf der alternative Medizinprodukte ausgestellt wurden (alle Produkte, die umwelt- und gesundheitsfreundlich sind, recyclebar, fair trade u.a.). Gleichzeitig fand eine Konferenz mit einer breiten Themenpalette statt. Ich traf viele engagierte Naturheilkundler, Studenten, Wissenschaftler und Politiker, die dem Grundsatz der Konferenz, dass es einer grundsätzlichen Umkehr der Medizinwirtschaft wie auch der gesamten Wirtschaft bedarf, weg von der Ressourcen vernichtenden kapitalistischen Orientierung hin zu einer ökologischen Wirtschaftsweise, zustimmten.

Sierra Leone: Ein Land nach Bürgerkrieg und Ebola

Erst einmal war ich von der ausgesprochenen Freundlichkeit der Sierra-Leoner überrascht. Sie hatten doch einen Bürgerkrieg, der das ganze Land überzog und diese Epidemie hinter sich! Die Ebola-Krise hatte sie um ein Vielfaches schlimmer getroffen als der Krieg. Die ganze Wirtschaft brach zusammen, im Inland brachen Hungersnöte aus, auch weil die Ausbreitung der Seuche unterbunden werden sollte. Faktisch übernahmen die WHO und die USA die Regentschaft im Land, verboten jegliche Tätigkeit von Heilern, kontrollierten ganze Regionen und machten, nach Ansicht der Leute dort, was sie wollten. Sie impften hunderte Menschen gegen die Bedenken der Gesundheitsbehörden, gaben Medikamente, die zuvor in Amerika keine Zulassung bekamen und entnahmen Knochenmark bei den Patienten danach. Die Eingriffe mögen teils sogar verständlich sein, weil es zu katastrophalen Zuständen kam. Das medizinische Personal des Landes flüchtete oft oder griff zu unangemessenen Maßnahmen: Vermeintlich oder tatsächlich Kranke wurden in Container gesperrt, in denen sie entweder durch Sauerstoffmangel oder eingesprühte Desinfektionsmittel qualvoll verstarben. Ich habe mit mehreren Menschen gesprochen, die Ebola-Kranke sterben sahen. Sie waren bis heute geschockt über diese Bilder. Die Kranken hatten panische Angst, sie spürten, dass sie sterben werden, hatten Schüttelfrost, erbrachen Blut und verfielen schnell.

Nichtsdestotrotz wirkte sich dieses Vorgehen von außen fatal aus. Zum einen glauben viele Menschen dort, dass die USA die Epidemie dort initiiert haben, um Medikamente zu testen. Zum anderen trauen sich die Leute bis heute nicht mehr in die Krankenhäuser. Ich kenne einen Fall, wo ein Jahr vor meinem Besuch ein Mann trotz starker Lungenbeschwerden nicht ins Krankenhaus ging, bis es zu spät war - er starb an einer Pneumonie. Und trotz allem: Die Menschen haben sich wieder gefangen. Und auch die Homöopathie hat dort Fuß gefasst. Mein Vortrag vor Krankenschwestern in Freetown dauerte doppelt so lang wie geplant, weil so großes Interesse bestand und viele Fragen gestellt wurden. Tatsächlich hat unser Projektmanager dort die Zulassung homöopathischer Arzneien schon weit vorangetrieben.

Mit ihm besuchte ich das Dorf Rorinka, in dem HOG ein Projekt durchführte. Es hat mir gezeigt, dass es dringend notwendig ist, preiswerte Behandlung anzubieten, weil es dort praktisch nichts gibt. Einzig eine Krankenschwester des Vereins Sierra Leone Baden-Württemberg e.V. (EAFA), die Antibiotika und Schmerzmittel zur Verfügung hat, sorgte sich rührend um die Patienten. Und damit war dieses Dorf noch privilegiert, denn andere Ortschaften haben dies nicht! Die Landbevölkerung wird wirtschaftlich und gesellschaftlich vollkommen vernachlässigt. Alle wollen weg. Die gesundheitlichen Probleme sind riesig, wie ich bei der Versammlung der Dorfgemeinschaft erfahren konnte. Es war unglaublich berührend, diese ehrlichen Aussagen über die Situation zu hören, die keinesfalls bedrängend hervorgebracht wurden. Deshalb beginnt „Homöopathen ohne Grenzen“ erneut mit einer Ausbildung vor Ort.

Matthias Strelow

Matthias Strelow, langjähriges HOG-Mitglied, arbeitet seit 1992 in seiner eigenen Praxis in Hamburg, hat 1997 die Schule der Homöopathie mitbegründet und ist international in Europa, Asien und Afrika tätig.


Dieser Beitrag ist ein Auszug eines Artikels, der in der nächsten Ausgabe von „Homöopathie Konkret“ erscheint.

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