August 2011

Blick auf El Alto beim Landeanflug
El Alto
La Paz bei Abendsonne
Handarbeitende Frauen am Staßenrand
Das Sonnentor in Tiwanaku
Kinder von Gefängnisinsassen erhalten hier täglich ein warmes Essen, haben eine Waschgelegenheit und bekommen Hilfe bei den Hausaufgaben

Nach 30 Stunden Reisezeit kommen wir in La Paz an.
Es ist meine dritte Reise und es ist wie ein nach Hause kommen. Die großen schneebedeckten Berge, der überschaubare Flughafen in El Alto, die dünne Luft, die sofort Herzklopfen und Schwindel hervorruft.
Gleich ist eine hilfreiche Hand für das schwere Gepäck da und los geht die Fahrt im Taxi durch das Gewühl in El Alto über die Autobahn hinunter nach La Paz.
Überall an den Hängen die unverputzten Häuser (wir haben eine mögliche Erklärung dafür gefunden, dass ein unverputztes Haus als sich noch im Bau befindlich angesehen wird, und dann dafür noch keine Steuer bezahlt werden muss).
Im Cafe Luna bei Henry angekommen werden wir herzlich begrüßt , überall bekannte Gesichter, jeder freut sich, dass wir wieder da sind. Wir werden mit frisch gepresstem Orangensaft empfangen, viele winken auf dem Weg zurück zum Hostal „Hola Dotoeressa“, und dann geht es erst mal mit einer Flasche Wasser ins Bett. Der Kopfschmerz setzt schon ein.

Zwei Tage haben wir uns Zeit gelassen, um uns an die Höhe zu gewöhnen, dann haben wir einen Termin mit einer deutschen Kollegin, die in El Alto mit einem Aymara verheiratet ist und die sich bereit erklärt hat, ab Januar 2012 in unserem Projekt Übersetzungen zu übernehmen. Eine engagierte junge Frau, die viele Kontakte hat und jetzt erst einmal für 3 Monate nach Deutschland fliegt um ihre HP-Prüfung abzulegen. Es ist eine sehr lebhafte und schöne Begegnung.

Es ist Samstag, der erste Unterricht. Wie wir alle es schon kennen, sind um 10.00h noch wenige der Schüler da, aber im Laufe der nächsten Stunde füllt sich der Unterrichtsraum.
Von den ursprünglich 36 Interessenten sind nun 20 Schüler fest dabei. Damit die Nachzügler nichts Wichtiges verpassen, beginne ich mit einem Spiel, ähnlich wie Stadt-Land-Fluss aber auf homöopathische Mittel bezogen, so können wir Mittel wiederholen und es macht viel Spaß und zeigt, dass in unserer Abwesenheit fleißig gelernt wurde. Dann steigen wir in den Unterricht ein, ich frage die Hausaufgaben ab und vertiefe die Mittel. Morgen werden wir in die Theorie der Miasmen einsteigen.

Während der Woche haben wir täglich Lehrpraxis. Es ist nicht immer einfach, Patienten, Studenten und Übersetzerin auf Termine festzulegen – ein schwieriges Unterfangen, denn in Bolivien laufen die Uhren manchmal anders. Meist gelingt es uns. Die Studenten machen nun schon selbst die Anamnese. Anschließend besprechen wir mit Ihnen die positiven Aspekte und weisen auf Schwächen hin. Zu Hause müssen sie dann den Fall ausarbeiten und repertorisieren und nach dem nächsten Unterricht am Wochenende besprechen wir ihre Arbeit.

Freitag – das haben wir wörtlich genommen und machen heute einen Ausflug nach Tiawanaku, einer großen Ausgrabungsstätte auf dem Alti Plano und lernen, dass diese Kultur mindestens 1000 Jahre älter ist als die bei uns so bekannte Inka-Kultur.
Ein wunderschöner Tag in Begleitung unserer Übersetzerin – und einmal raus aus dem Lärm der Großstadt.

Das zweite Unterrichtswochenende – Schwerpunktthema sind heute die Nosoden und das Organon. Alle arbeiten konzentriert mit – unsere Übersetzerin ist heute Inge, eine deutsche Ärztin, die an einem Herzzentrum für Kinder in La Paz arbeitet, sehr engagiert ist und unter anderem ein Betreuungszentrum für Kinder gegründet hat, deren Eltern im Gefängnis sitzen. Ihre lebhafte Art hilft sehr, den manchmal nicht ganz leichten Stoff so zu vermitteln, so dass alle folgen können.
In der Mittagspause wird jedes Mal ein tolles Essen für alle organisiert, wir lernen superleckere Salate kennen und fühlen uns von der ganzen Gruppe liebevoll verwöhnt.

Mittwoch – heute wollen wir die Kinder von Inges Projekt in Achocalla besuchen. Dabei lernen wir die verschiedenen Arten von Taxis kennen. Es gibt Taxis mit Fähnchen, die anzeigen ob sie nur in der Stadt fahren oder auch außerhalb, es gibt Sammeltaxis, es gibt Kleinbusse und nach 2 x umsteigen finden wir dann endlich auch ein Taxi, das uns in ein Seitental von La Paz, nach Achocalla bringt.
Irgendwann lässt der Fahrer uns dann aussteigen und weist auf einen Weg, der nicht geteert ist und den er offensichtlich nicht fahren will. So machen wir uns zu Fuß auf den Weg und kommen nach einer viertel Stunde auch wirklich in dem Kinderzentrum an. Es ist eine Tagesbetreuung für die Kinder, die sonst mit ihren Eltern im Gefängnis leben. Dort haben sie frische Luft, haben einen schönen Spielplatz, Gruppenräume für alle möglichen Aktivitäten, auch Theater wird gespielt.
Wir erfahren, dass alles nicht so ganz einfach ist. Die Eltern der Kinder haben oft Angst, dass ihnen die Kinder weggenommen werden. Das erklärt auch, warum eine Kindergärtnerin uns gegenüber sehr „zugeknöpft“ war und immer wieder betonte, sie dürfe nichts über die Kinder sagen.
Ganz anders Marcela, die Leiterin erzählt uns von einem sehr problematischen Kind.
Sie gibt uns viele Informationen über das „schwierige“ Kind, das wir dann auch im Spiel länger beobachtet haben, um für ihn ein Mittel zu finden, damit er vielleicht doch noch integriert werden kann.

Doris, eine Schweizerin, die auch Studentin bei uns ist, hat uns zu sich nach Coroico eingeladen. Mit dem Minibus geht es 3 ½ Stunden über einen Pass von 4500 m Höhe hinunter in subtropisches Gebiet. Zwei Tage dürfen wir uns hier erholen in einem traumhaften Garten und mit liebevoller Versorgung - Entspannung pur.

Dann machen wir uns gemeinsam wieder auf den Rückweg, unser letztes Unterrichtswochenende steht an. Das Thema ist die Begleitung von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett, Kinderlosigkeit und Abort.
Als Einführung habe ich mir erzählen lassen, wie die Versorgung in Bolivien ist, was kulturell üblich ist, wie die Aufklärung läuft. Es gibt eine Grundversorgung, Schwangere haben das Recht, sich monatlich einmal untersuchen zu lassen. Aber die staatlichen Institutionen sind überlaufen, die Menschen müssen stundenlang Schlange stehen und so wird ein solches Angebot oft nicht angenommen.
Präventivmaßnahmen werden häufig abgelehnt, Abtreibungen sind verboten, andererseits sind Vergewaltigungen keine Seltenheit und so kommt es oft auch zu Verzweiflungstaten. Eine traurige Geschichte.

Am Ende des Unterrichts haben wir gemeinsam eine rührende Abschiedsfeier und unser Aufenthalt in Bolivien ist schon fast zu Ende.

Inzwischen sind wir wieder zu Hause. Die letzten Tage waren noch angefüllt mit Organisation in der Praxis, Einkäufe fürs Projekt tätigen. Der Rückflug war ein bisschen schneller, dafür kam mein Koffer nicht mit. Als ich in Frankfurt den Koffer als vermisst meldete, stellte der Angestellte von der Fluggesellschaft fest, dass er noch in Lima steht. So wurde er mir dann 3 Tage später direkt nach Hause gebracht. Das hatte auch den Vorteil, dass ich mit dem schweren Koffer nicht von Frankfurt im Zug nach Stuttgart unterwegs sein musste.
Es war eine sehr aufregende und schöne Zeit in La Paz und es ist ein sehr erfülltes Gefühl zurück geblieben. Die Hoffnung im Herzen, an diesem Ort ein kleines bisschen dazu beitragen zu können, dass sich etwas zum Positiven verändert – ich komme gerne wieder.

Ursel Lessmann

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