November 2015

La Paz / Bolivien: Erste-Hilfe-Kurs mit Homöopathie im Gefängnis von San Pedro

Nachdem unsere Homöopathieausbildung in La Paz / Bolivien für unsere erste Ausbildungsgruppe abgeschlossen war, stellte sich die Frage, wie wir unsere Arbeit in Bolivien sinnvoll weiterführen. Klar war, dass wir mit Praxisbegleitung und Supervision unsere ehemaligen SchülerInnen weiterhin unterstützen würden. Unsere Idee war, ein weiteres Projekt zu starten, bei dem wir die SchülerInnen beim Unterrichten begleiten. So würde sich der Unterrichtsstoff vertiefen und gemeinsam mit der weiteren praktischen Erfahrung das homöopathische Wissen festigen.

Die Wirksamkeit und vor allem die Nachhaltigkeit der Homöopathie hatte sich in Bolivien herumgesprochen – aus den entlegensten Gebieten Boliviens kamen Projektanträge. Klar wurde nach den Erkundungsreisen, dass wir mit unserem Konzept der Kurzeinsätze nicht in Gebieten unterrichten können, die einen Großteil des Jahres nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sind. Auch unsere SchülerInnen dorthin zu entsenden, stellte sich als utopisch heraus.

Dann kam direkt aus La Paz eine Anfrage nach homöopathischer Unterstützung – aus dem Gefängnis von San Pedro. Einer unserer Patienten war ins Gefängnis von San Pedro gekommen und war als Insasse zum Gesundheitsbeauftragten für einen der acht Sektoren des Gefängnisses gewählt worden. Er stellte gemeinsam mit den anderen Gesundheitsbeauftragten aufgrund der verheerenden Bedingungen im Gesundheitssystem des Gefängnisses einen Antrag auf eine homöopathische Versorgung und Grundausbildung. Er wandte sich damit an seinen Freund, unseren Schüler, Schamanen und ehemaligen Ministeriumsmitarbeiter Alfredo Duran, der mich gleich anrief und fragte, was ich davon halten würde.

Ich hatte vor unserem Projekt von HOG in La Paz bereits 2007 mit der befreundeten Kinderärztin Inge von Alvensleben, die uns später als Übersetzerin im Ausbildungsprojekt half, auf der Kinderstation in genau diesem Gefängnis gearbeitet. So war ich gleich Feuer und Flamme und unterstützte die Idee, dort zu unterrichten. Beim ersten Mal konnten wir zum vereinbarten Zeitpunkt ins Gefängnis hinein – AusländerInnen ist der Besuch im Gefängnis eigentlich nur mit Erlaubnis des Chefs gestattet, auch Unterricht muss vorher genehmigt werden. Aber die Wärter drückten ein Auge zu und ließen uns ´rein. Wir unterrichteten die wichtigsten Erste-Hilfe-Mittel, die wir als Farbkopie und laminiert für jeden Sektor mitgebracht hatten sowie ein kleines Set homöopathischer Erste-Hilfe-Mittel, die wir in der Lehrpraxis noch vorrätig hatten und auf der Gesundheitsstation des Gefängnisses hinterlegten.

Die Lebenssituation, besonders die Gesundheitssituation der Gefangenen in Bolivien unterscheidet sich sehr unterschiedlich von der Situation der Gefangenen:

  • Es ist möglich aufgrund falscher Anschuldigungen sehr lange im Gefängnis zu sitzen, da es auf den Geldbeutel ankommt, ob man einen Anwalt bekommt und ob dieser erfolgreich ist.
  • Es gibt kein Essen vom Gefängnis. Wenn man kein Einkommen hat, muss man sich einen Job im Gefängnis suchen. Es gibt im Gefängnis eine Ministadt mit Bäckern, Schuhputzern, Frisören, viele kochen Milchreis oder Tee und versuchen, diese an Besucher zu verkaufen.
  • Auch eine Einzelzelle muss man sich kaufen, sonst bekommt man einen Schlafplatz im Gemeinschaftssaal. Dementsprechend gibt es viele Erkrankungen, die auf Parasitenbefall zurückzuführen sind. Kakerlakenstiche zum Beispiel hatte ich hier 2007 zum ersten Mal gesehen und behandelt.
  • Wenn Frauen und Kinder durch die Inhaftierung des Mannes die Wohnung verlieren, wohnen sie mit ihm im Gefängnis. Die Kinder gehen vom Gefängnis aus in die Schule, die Frauen von dort zur Arbeit.
  • Da die hygienischen Verhältnisse sehr schlecht sind und die Kinder als „Knastkinder“ diskriminiert werden, hat unsere Freundin Inge von Alvensleben ein Projekt in Achocalla aufgebaut, in dem die Kinder vom Knast von San Pedro Waschmöglichkeiten haben und Hilfe bei den Hausaufgaben sowie ein warmes Essen pro Tag. Dieses Projekt besteht noch immer.
  • Auf der Gesundheitsstation, die mit einem Arzt und Krankenschwestern besetzt ist, bekommt man lediglich eine Verordnung. Ob man sich die Medikamente auch kaufen kann, hängt davon ab, ob man draußen ein soziales System hat, das die Medikamente kauft und zum Gefängnis bringt.

Das Gefängnis ist in acht Sektoren aufgeteilt, jeder Sektor hat einen Gesundheitsbeauftragten, der eigentlich dafür zuständig ist, Durchfallerkrankungen zu melden, um Seuchen vorzubeugen, und den Impfschutz zu überprüfen und die Nichtgeimpften in die Gesundheitsstation zu entsenden.

Diese Gesundheitsbeauftragten saßen nun beim ersten Unterricht alle vor uns, in einem winzigen weiß gekalkten niedrigen Raum, ausgestattet mit kleinen Schulbänken, einem Pult und einer Tafel. Aus jedem Sektor war ein Mann gekommen mit jeweils einem Vertreter. Wir hatten intensiven Unterricht, sie waren hochkonzentriert, stellten viele Fragen und schauten sich die Kügelchen genau an. Wir ließen jeden von Ihnen ein Mittel durchlesen, das wir bereits vorgestellt hatten und sie wiederholten dann das Mittel und die Behandlungsvorschläge.

Nach dem Unterricht brachten sie noch einige Kranke zu uns, bei denen wir Anamnesen machten und Mittel verordneten. Die Fälle waren chronische Erkrankungen, schwierig und ganz und gar nicht leicht zu behandeln. Ein Gefangener zum Beispiel hatte Beschwerden nach einem Umtrunk mit selbstgebranntem Schnaps aus Dosenobst; er hatte eine Methylalkoholvergiftung mit irreversiblen Augen- und Nervenschäden. Ein anderer hatte eine großflächige Staphylokokkeninfektion am Bein – und das bei der miserablen Ernährungslage. Hier wäre mehr Handlungsbedarf angezeigt als nur einen Erste-Hilfe-Kurs zu geben.

Unsere zweite geplante Unterrichtseinheit musste leider ausfallen, da am verabredeten Termin die Erlaubnis des Gefängnisdirektors, um die sich die Gefangenen kümmern wollten, nicht vorlag. Diesmal bekamen wir keinen Einlass ohne Erlaubnis. So mussten wir zum Büro, der Chef war aber in einer Versammlung. Wir warteten zwei Stunden, dann kam er und wollte erst das Projekt nicht genehmigen. Doch das Glück war auf unserer Seite: Der Arzt des Gefängnisses hatte nach uns einen Termin mit dem Chef und legte ein gutes Wort für uns ein. Er habe von Homöopathie gehört, wisse aber nicht, ob sie wirke, aber er wisse, dass sie nicht schade. Nach dieser Info gab der Gefängnis-Chef die Unterschrift unter unserem Antrag, regelmäßig im Gefängnis Homöopathie unterrichten zu dürfen. Für jeden ausländischen Mitarbeiter müsse aber jeweils neu eine Erlaubnis beantragt werden. Wir gingen noch kurz an die Gitter, um mit den Gefangenen einen neuen Termin zu vereinbaren.

Auch der zweite Termin war wieder erfreulich – die Teilnehmer hatten trotz Internetverbot im Gefängnis einen Weg gefunden, mit ihren Handys Arzneimittel zu recherchieren und zu wiederholen und unsere Ausführungen überprüft. Sie waren bereits mit der Homöopathie infiziert und hatten mehrere Gefangene bei Fieber erfolgreich behandelt. Nun warteten sie wissbegierig auf mehr Informationen und hörten aufmerksam dem Unterricht zu. Am Ende schenkte ihnen Alfredo eine Kopie eines guten gründlichen Erste-Hilfe-Buches (Mateu y Ratera), in dem auch eine brauchbare Materia Medica zu finden ist.

Am letzten Tag meines Aufenthaltes in Bolivien war SchülerInnenversammlung. Dort beschlossen die SchülerInnen, das Projekt im Gefängnis von San Pedro bis zu unserer nächsten Reise abwechselnd weiterzuführen. Unsere Idee, ein kleines Projekt zu finden, in dem die SchülerInnen weiterarbeiten und auch unterrichten können, ist Wirklichkeit geworden. Ob daraus für die Gefangenen eine Grundausbildung in Homöopathie werden kann, wird die Zukunft zeigen. Wie Alfredo sagte: „Der Samen der Homöopathie ist in Bolivien gelegt. Nun braucht er Zeit und guten Boden, um aufzugehen.“

Anja Kraus, Projektleitung Bolivien | November 2015

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