Momentaufnahme Bolivien Juni 2017

Ein guter Start: Die Praxis in La Paz wurde weiter mit einfachen Mitteln renoviert und gestaltet, alles sieht sehr ansprechend aus. Auf einer Versammlung berichten acht ehemalige SchülerInnen, wie sie die Homöopathie praktizieren: Vier verdienen damit ab und zu Geld, die anderen sparen Geld, weil sie sich selbst und ihre Angehörigen bei akuten Erkrankungen versorgen können. Die Miete für die Praxis kann teilweise durch die Schüler finanziert werden. Alle SchülerInnen müssen arbeiten und üben die Homöopathie nebenher oder am Wochenende aus. Die Gruppe ist froh, dass wir wieder da sind und dass wir den Projektcomputer mit dem Radar-Programm in Spanisch zur Verfügung stellen. Es ist spürbar, wie dies das Gruppenbewusstsein stärkt.

Wir verbringen die folgenden zwei Wochen hauptsächlich mit Einzelsupervisionen, bei denen wir den Umgang mit dem Computer und dem Radar-Programm üben. Da der PC dazu verführt, zu viele Symptome einzugeben, wiederholen und üben wir das vollständige Symptom. Wir üben anhand von Fällen der SchülerInnen und einer Liveanamnese die Benutzung. Die SchülerInnen kommen verlässlich zu ihren Terminen, das war nicht immer so. Es ist schön, wie im Lauf der Zeit die Vereinbarungen als verbindlich angenommen werden und damit unsere Arbeit wertgeschätzt wird.

Coco, die Sekretärin unserer Kooperationsstiftung, vermittelt uns einen Fernsehauftritt im katholischen Privatsender Kanal 77. Vor der Kamera haben Coco und ich 10 Minuten Zeit, über klassische Homöopathie, insbesondere für ältere Menschen, zu sprechen. Der Schamane Alfredo vermittelt uns ein weiteres halbstündiges landesweites Live-Fernsehinterview im Kanal 4. Die Moderatorin Monika, die in ihrer Familie nie etwas anderes als Homöopathie angewendet hat, erklärt zur Einführung die Homöopathie anhand der Simile-Regel, lässt Alfredo die Verbindung zur traditionellen Medizin ziehen und stellt Edith und mir schlaue Fragen wie „Sollte die Homöopathie nur für Ärzte erlaubt werden?“. Wir bekommen viel Raum für unsere Erfahrungen und erzählen über die Tsimane, die nach kurzem Akutunterricht erfolgreich den Durchfall bei Kleinkindern behandelt haben.

Direkt nach den Aufnahmen haben wir einen Termin im Gefängnis von San Pedro. Trotz eines offiziellen Papiers vom Gefängnisdirektor wird uns der Eintritt wieder schwer gemacht. Schließlich können wir mit zwei Gesundheitsbeauftragten der Gefangenen sprechen. Einer, ein ehemaliger Bürgermeister, erklärt: „Alles geht in San Pedro unter der Hand und mit Bestechung.“ Das Gefängnis sei die größte Goldgrube der Polizei von La Paz. „Für alles musst du bezahlen, selbst wenn du deine dir rechtlich zustehende Gerichtsverhandlung willst. Wenn jedoch dein Gegner die Justiz mit mehr Geld schmiert, hast du wenig Chancen“. Als sie ihn verhaftet haben, glaubte er, es handele sich um einen Irrtum – und jetzt sitze er schon drei Jahre ein. Alle zwei Monate bekommt er einen Verhandlungstermin, jedes Mal erscheint entweder der Richter oder der Staatsanwalt nicht und die Verhandlung wird verlegt. Unser Partner Alfredo will auf jeden Fall weitermachen, im Gefängnis zu unterrichten und den Gefangenen zu helfen.

Zum Abschluss unserer Reise und zur Übergabe des PCs gestaltet Alfredo ein Ritual. Um eine Feuerschale im Kreis sitzend legen wir verschiedene Kräuter in die Schale. „Dafür danke ich und darum bitte ich“: Diese Runde ist schon sehr berührend. Drei Wochen später bekomme ich zu Hause die ersten Whats Apps von Coco. Seit der Fernsehwerbung haben sie mehr PatientInnen und arbeiten gemeinsam in der Praxis. Unsere Vision, dass sie sich zusammentun, gegenseitig helfen und an ihren Erfahrungen wachsen, nimmt langsam Kontur an.

Anja Kraus

 

 

 

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