Einblick Flüchtlingsprojekt August 2016

Fälle aus der Praxis – Einblicke in die Arbeit der Projektgruppe Heidelberg/Mannheim

Seit November 2015 nutzt die Projektgruppe Heidelberg/Mannheim, geleitet von der langjährig HOG- und HiA-erfahrenen Heilpraktikerin Maria Hufnagel-Schwab, nun schon fast jeden Montagabend die Gelegenheit, geflüchtete Menschen im Heidelberger „ZEP 1“ homöopathisch zu behandeln.

Bei der Örtlichkeit handelt es sich eigentlich um einen Lernort und Treffpunkt für Studenten. Montagabends wird hieraus jedoch eine lebendige Begegnungsstätte, in der das studentische Organisationsteam „Each1Teach1“ Flüchtlingen unter dem Motto „Sweethome“ anbietet, Gerichte aus ihrem Kulturraum für und mit Deutschen zu kochen und anschließend gemeinsam zu verspeisen. Unserem Homöopathieprojekt steht währenddessen ein separater Behandlungsraum zur Verfügung. Und so nahmen seit gut einem halben Jahr auch schon mehr als 22 geflüchtete Menschen das Angebot wahr, sich von Maria Hufnagel-Schwab und ihren Kolleginnen behandeln zu lassen.

Das Schöne und Besondere an der homöopathischen Arbeit in dieser Projektkooperation: Es bleibt nicht nur bei den Erstanamnesen: Die Patienten, zumeist geflüchtete Männer aus Gambia und SyrerInnen, finden sich im „ZEP 1“ montags immer wieder zum Austausch und Kochen ein und schauen bei dieser Gelegenheit auch im Behandlungsraum vorbei. Oder sie treffen die Homöopathinnen beim Essen und geben ihnen hierbei ein Feedback. „Strong remedies, very strong remedies!“ – diesen Satz bekommen die Kolleginnen immer wieder zu hören. Ein angenehmer Nebeneffekt:  Mittlerweile hat sich eine effektive Mund-zu-Mund-Propaganda unter den Flüchtlingen entwickelt. So melden sich mittlerweile bereits ab und an geflüchtete Menschen aus anderen Regionen zu den Behandlungszeiten. In Heidelberg haben wir also die Möglichkeit, Flüchtlinge durchaus längerfristig zu behandeln und die Fallverläufe entsprechend zu beobachten. Hier zwei Beispiele aus der Praxis:

 

Fall 1: Ali, 27 Jahre alt, aus Gambia

Anfang Dezember 2015  erscheint der 27jährige Ali aus Gambia mit Schmerzen in der Brust zur homöopathischen Behandlung. Er hat auf der Flucht einen brutalen Schlag auf den Brustkorb abbekommen. Ali ist zunächst zurückhaltend, wird im Laufe der kommenden Sitzungen aber deutlich offener und berichtet den Homöopathinnen nach und nach von seinen Erlebnissen während der Flucht: In Libyen wurde auf eine Gruppe Schwarzafrikaner geschossen, der auch er angehörte. Der Mann hinter ihm wurde am Kopf getroffen und dessen Blut bespritzte Alis Körper so stark, dass dieser zunächst annahm, er sei selbst angeschossen worden und müsse jetzt sterben. So warf er sich auf den Boden und andere Menschen überrannten ihn in der allgemeinen Panik. Auch der weitere Verlauf seines Fliehens war grauenhaft: Von 170 Flüchtlingen, mit denen er sich in einem Boot befand, starben mindestens 50  Menschen vor seinen Augen: Bedingt durch Hitze, Hunger und Durst. Es befand sich weder Wasser noch etwas zu Essen an Bord.

Bei der Erstanamnese schildert  Ali zunächst folgende Symptome: Er hat Schmerzen beim Atmen und Husten, dabei verschlechtern Kälte und kaltes Wasser das Befinden. Wenn Ali alleine ist, denkt er viel nach. Er hat ein Überbein an der linken Hand, das durch eine Verletzung entstanden ist. Da zwei Knöchelchen falsch zusammengewachsen sind, ist die Funktion des Gelenkes beeinträchtigt. Er erhält Bry C30 dil.

Mitte Februar 2016 stellt Ali sich erneut bei den Homöopathinnen vor. Husten und Atmung sind mittlerweile deutlich besser geworden, nur beim Ausatmen hört man noch Geräusche. Er berichtet auch, dass ihn die Brust nur noch nach Frieren schmerzt. Er klagt über Rückenschmerzen, wenn er viel läuft. Ali hat Bry C30 bis Weihnachten genommen, nach zwei Wochen war der Husten verschwunden.  Schneiden und Schreiben mit dem verletzten linken Handgelenk sind inzwischen zu 50% besser geworden. Die Kolleginnen fragen Ali nach seinem Schlaf, worauf hin er erzählt, dass er oft antriebslos im Bett liegt, grübelt, Herzklopfen hat und nur 1 bis 2 Stunden lang schlafen kann. In Italien musste er auf der Straße übernachten. Ali wird zornig, wenn er darüber nachdenkt, was ihm alles widerfahren ist, nicht nur auf der Flucht, sondern auch zuvor in seiner Heimat. Zuhause hatte die Regierung sein am Strand gelegenes Touristen-Restaurant abgerissen. Für ihn war es Zerstörung und kam einer Vertreibung aus dem Paradies gleich. „Wenn ich allein bin, weine ich in mein Herz“ berichtet Ali und auch während des Gespräches kommen ihm fast die Tränen. Die Behandlerinnen spüren seine Trauer und den Kummer. Körperlich fallen bei Ali noch aufgerissene Lippen auf, die durch kalten Wind verschlechtert werden. Manchmal sind seine Augen gerötet und auf der Haut gibt es eitrige Pickel. Ali erhält Nat. mur C200 dil.

Der nächste Kontakt erfolgt Anfang April 2016. Ali erzählt, dass Rücken und Hüfte in Ordnung sind, die Lippen zu 75% besser. Er kann mittlerweile mehr als 3 bis 4 Stunden schlafen. Die Energie ist ebenfalls gut, seine Ausstrahlung viel offener! Ali redet jetzt täglich mit anderen Menschen, 25% mehr als zuvor. Auch das so intensiv beschriebene „Weinen in sein Herz“ hat sich zu 50 % gebessert. Er hat das Fläschchen Nat. mur C200 bis zum Ende der Woche genommen, jetzt ist es aufgebraucht. Ali nimmt das Mittel, wenn er nicht schlafen kann, weil er weinen muss, da all die schrecklichen Bilder hochkommen und ist der Meinung, dass er es jeden Abend benötigt. Daher erhält er nochmals Nat. mur C200 dil.

Sein derzeitiges körperliches Problem ist die Haut, er hat eine schmerzhafte Unterlagerung auf der rechten Wange, vergleichbar mit einer Bohne. Wenn er diese ausdrückt, erscheint eine weiße Absonderung. Aus diesem Grunde verordnen die Homöopathinnen zusätzlich Okou C6.

Ende Mai 2016 fühlt Ali sich zu 50% schlecht, der Grund hierfür sind die noch immer fehlenden Papiere (Pass, etc.). Auch schlagen ihm noch die Gedanken an die Reise aufs Gemüt. Er war vor kurzem die halbe Nacht auf einer Party, danach hat der ganze Körper geschmerzt. Die Unterlagerung auf der rechten Wange ist zunächst noch größer geworden, inzwischen verkleinert sie sich, ist aber noch sehr hart. Die Haut der linken Gesichtshälfte ist besser. Ali schläft mittlerweile gut: 7 Stunden, meist von 0.00 bis 7.00 Uhr. Er erhält Nat. mur 1M und weiterhin zusätzlich Okou C6.

Als Ali Ende Juni 2016 ein weiteres Mal zum Follow-up erscheint, kann er folgendes berichten: Die Verhärtung auf der rechten Wange hat sich um 75% gebessert: Inzwischen fühlt sie sich wie eine weiche Linse an. Auch die linke Gesichtshälfte ist weiterhin gut. Er hat weder Rücken- noch Hüftschmerzen, die Augenröte ist etwas zurückgekehrt, aber die Trockenheit der Lippen und ein tiefer Riss, der deutlich sichtbar war, haben sich ebenfalls zu 75% verbessert. Die Mittelgaben werden vorerst fortgesetzt.

 

Fall 2: Kebba, 28 Jahre alt, aus Gambia

Mitte November 2015  kommt Kebba, 28 Jahre alt und aus Gambia stammend mit Kopfschmerzen und einer Verletzung am rechten Auge in die homöopathische Sprechstunde. Kebba war Offizier und hatte Probleme mit der immer diktatorischer werdenden Regierung, der er sich nicht beugen wollte. Ständig verschwanden Soldaten, die sich der Diktatur widersetzten. Kebba wurde von Freunden gewarnt, dass auch er verschleppt und erschossen würde, sofern er nicht untertauchen würde und so begab Kebba sich auf die Flucht. In Libyen wurde er gekidnappt und ins Gefängnis gesteckt. In einem dunklen Verließ saßen die Gefangenen im Kreis und wurden von allen Seiten brutal mit den Gewehrkolben der Folterer geschlagen. Die Verletzung am rechten Auge zeigt sich wulstig und fest vernarbt, im Mund ist links ein Zahn abgebrochen. Weiterhin leidet Kebba an eingerissenen Mundwinkeln und Photophobie. Er hat Verlangen nach Salz. Die Homöopathinnen verordnen Arnica C200 dil.

Eine Woche später stellt Kebba sich erneut vor. Er berichtet, dass das Auge, die Rötung der Augen und der Kopfschmerz bereits zu 40% gebessert sind. Kebba erzählt, dass er durch die Gewehrschläge im Libyschen Gefängnis auch beim Atmen Schmerzen im Brustkorb hatte. Diese haben sich ebenfalls etwas vermindert. Es bleibt bei der Verordnung von  Arnica C200 dil.

Das nächste Follow-up erfolgt Anfang Februar 2016. Kebbas Schmerzen, der Kopfschmerz und die Atmung sind ok. Die Rötung der Augen hat sich ebenfalls gebessert, allerdings brennen die Augen noch bei Hitze. Es gab auch vermehrten Tränenfluss, der jetzt in Ordnung ist. Kebba klagt über einen Hautausschlag, der vermutlich nach einem Schwimmbadbesuch entstand und evt. durch das Chlorwasser verursacht wurde. Kebba erhält hierauf hin Sulf. LM 18 dil.

Mittlerweile wurde Kebba nach Donau-Eschingen verlegt und besucht hier die Schule. Anfang Juni 2016 konsultiert er die homöopathische Sprechstunde aber ein weiteres Mal. Seine Energie ist gut, er erscheint schlank und zäh. Kebba berichtet, dass seine Augen in Ordnung sind, auch hat er keine Schmerzen mehr in der Brust beim Atmen.  Allerdings gibt es noch Probleme mit der Haut, Sulf. LM 18 hat diese nur minimal gebessert. Die Haut ist jetzt trocken schuppig, beim Abtrocknen verschwinden die Schuppen, dann muss Kebba sich vermehrt kratzen. Seine Haut erscheint am Brustkorb und an den Armen teilweise dunkler. Insgesamt wirkt die Haut fleckig schmutzig. Sobald Kebba sich auszieht oder schwitzt, erscheinen vermehrt Schuppen. Er empfindet seine Füße als kalt, obwohl sie sich warm anfühlen. Kebba klagt auch über Haarausfall, früher hatte er Rastalocken. Zudem erzählt Kebba bei diesem Besuch, dass er bereits unzählige Male an Malaria erkrankt ist. Sofern er früher Medizin bekommen hat, juckte die Haut unerträglich und wurde blutig. Die Homöopathen und Kebba kommen noch einmal auf seinen Beruf zu sprechen: Er liebte seinen Job als Offizier sehr, ist immer korrekt und ihm ist  Sicherheit sehr wichtig. Wie bei den bisherigen Treffen erscheint Kebba auch zu diesem Follow-up auffallend sauber und ordentlich. Da Sulf. die Haut nach vier Monaten nur an einigen Stellen verbessert hat, wechseln die Behandlerinnen das Mittel und geben jetzt Ars. C200 dil

 

In beiden Fällen sind also bereits im Verlauf eines halben Jahres ganz deutliche Verbesserungen der körperlichen Beschwerden und des Gemütes erkennbar: Was könnte der Arbeit in unserem  Flüchtlingsprojekt mehr Motivation verleihen als solch schöne Erfolge! Vielen Dank an die Kolleginnen aus Heidelberg/Mannheim für diesen Einblick in ihre wunderbare Arbeit.

 

Sonja Langen

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