Einblicke 2015 | HOG-Projekt „Homöopathie für Flüchtlinge in Deutschland“| September 2015

Im Gespräch mit Christa Ehrlich, Heilpraktikerin aus Bielefeld

Wann haben Sie mit Ihrer Arbeit für HOG begonnen – und seit wann arbeiten Sie aktiv mit im Projekt „Homöopathie für Flüchtlinge in Deutschland“?
Begonnen, mich bei HOG zu engagieren, habe ich 2004. Im Kenia-Projekt von HOG war ich 10 Jahre lang Ausbildungsleiterin. Seit Februar 2015 bin ich im Projektteam, in der Organisation des Projekts “Homöopathie für Flüchtlinge  in Deutschland” aktiv. Ich leite die lokale Gruppe mit KollegInnen aus Bielefeld und Umgebung und behandle Geflüchtete.

Hatten Sie bereits vor diesem Projekt Erfahrungen mit der Behandlung von traumatisierten Menschen?
Das Kenia-Projekt von HOG ist vor allem ein Ausbildungsprojekt. Im Rahmen der Lehrpraxis habe ich auch vor Ort behandelt. Es sind mir dort – wie auch in meiner eigenen Praxis in Bielefeld – immer wieder traumatisierte Patienten begegnet.

Aus welchen Ländern stammen die Flüchtlinge, die Sie seit Oktober 2014 behandeln, und wie sind sie in Deutschland untergekommen?
Die Geflüchteten kommen von der Elfenbeinküste, aus Syrien, Myanmar, dem Irak, aus der Türkei, dem Kosovo und aus Tschetschenien. Sie leben in Flüchtlingsunterkünften, manchmal mit mehreren Familien in kleinen Wohnungen.

Wie haben die Flüchtlinge vor Ort von Ihrem neuen Angebot in Bielefeld erfahren?
Die Geflüchteten werden auf unterschiedlichen Wegen auf unser Angebot aufmerksam: Über Kontakte zu Flüchtlingsberatern und ehrenamtlichen Helfern der medizinischen Flüchtlingshilfe des AK Asyl Bielefeld, über einen Vortrag, den ein engagierter Psychiater in Herford organisiert hat, und schließlich durch von mir behandelte Flüchtlinge selbst.

Wie erleben Sie die Offenheit der Flüchtlinge gegenüber naturheilkundlichen Angeboten?
Wie ich bereits aus meinen Erfahrungen in Kenia weiß, hat naturheilkundliche Behandlung weltweit einen hohen Stellenwert und eine große Akzeptanz. Die Geflüchteten, die in Behandlung kommen, sind offen, Alternativen zu alleiniger schulmedizinischer Behandlung anzunehmen. Sie kennen die Unterschiede beider medizinischer Ansätze und nehmen den ganzheitlichen Ansatz mit umfassender Anamnese ganz selbstverständlich an. Auch über die “kleinen Kügelchen” gibt es wenig Verwunderung.

Welche Krankheiten und Beschwerden haben Sie bislang behandelt?
Schlafstörungen, extreme Kopfschmerzen, Magenschmerzen, Übelkeit, immer wieder aufsteigende Bilder traumatischer Ereignisse, Schwindelanfälle,  Menstruationsprobleme, Depressionen, chronische Bronchitis und wiederkehrende Erkältungskrankheiten standen im Vordergrund.

Wie lange dauert in der Regel das erste Gespräch, die Anamnese? Wie verständigen Sie sich mit den Flüchtlingen?
Die Anamnese dauert 1 bis 2 Stunden. Einige Anamnesen konnte ich gut auf Deutsch oder Englisch machen. In einigen Fällen waren Übersetzungen durch professionelle Sprachmittler oder andere Geflüchtete notwendig.

Behandeln Sie auch Kinder?

Selbstverständlich ja.  Nach ersten Erfolgen bei den Müttern durch homöopathische Behandlung kommen sie dann auch mit den Kindern.

Welcher Patient hat sie besonders berührt?
Es berührt jedes einzelne Schicksal sehr, sehr tief! Ein Beispiel ist eine sehr junge Patientin, 22 Jahre alt. Mir wurde schon bei der Anmeldung gesagt, dass die Patientin auf gar keinen Fall auf die Flucht oder die Fluchtgründe angesprochen werden will, 'sie will nur über ihre Magenschmerzen reden'. Der Vorteil homöopathischer Behandlung ist, dass ich problemlos über die körperlichen Symptome, durch Beobachtung und auf Grundlage ihrer großen Angst, über das, was ihr widerfahren ist, zu reden, ein Arzneimittel auswählen konnte. Es war wunderbar zu erleben, wie die Patientin , nachdem sich die Magenschmerzen deutlich gebessert hatten, in den Folgeterminen langsam begann, sich zu öffnen.

Was war Ihr bislang größter Erfolg?
Eine ältere Patientin hatte an 4 bis 5 Tagen pro Woche so extreme Kopfschmerzen, dass sie regelmäßig vor Schmerzen ohnmächtig wurde oder mit dem Kopf gegen die Wand schlug. Sie lag tagelang geschwächt und zitternd im Bett. Kopfschmerzmittel halfen so gut wie gar nicht. Schon bei der ersten Rückmeldung nach einer Woche berichtete sie glücklich, dass sie für 4 Tage gar keine Kopfschmerzen mehr hatte. Jetzt nach 3-monatiger Behandlung hat sie noch 1 bis 2 Mal pro Woche Kopfschmerzen von geringerer Intensität. Die Behandlung dauert an.

Welche Reaktionen erhalten Sie von den Flüchtlingen?
Eine Patientin war überglücklich zu erfahren, dass sie mit den immer wieder aufsteigenden Bildern, Aggressionsschüben, die sie zu Selbstverletzungen führten, 'nicht verrückt ist und eingesperrt in die Psychatrie gehört'. Ein Patient, dem ich bisher gar nicht helfen konnte, sagte mir: “Ich komme gerne zu ihnen, es hilft mir schon, mit Ihnen zu reden”. Die Patienten, denen ich helfen konnte, bringen oft Verwandte oder andere Flüchtlinge aus der Flüchtlingsunterkunft mit in die Praxis.

 „Angebote, die nichts kosten, sind auch nichts wert“: Wie erleben Sie Wertschätzung, Termintreue und Zuverlässigkeit Ihrer Patienten?
Nur ein Patient kam nach zwei Terminen nicht mehr in Behandlung, sein Ekzem war verschwunden. Die Patienten halten ihre Termine ein und geben über ihre Betreuungspersonen Rückmeldung. Es wird auch mal ein Termin vergesssen. Ich weiß gar nicht, ob sich viele der Patienten Gedanken zum Thema 'kostenlos' machen. Es gibt eine generelle Wertschätzung zu jeder Form von Hilfe, die ihnen entgegengebracht wird. Auf jeden Fall schätzen sie, dass sie mit mir nicht nur über ihre körperlichen Beschwerden reden können, sondern dass ich versuche, sie und ihre Situation ganzheitlich zu verstehen. Wenn sich Beschwerden deutlich bessern, sehe ich die Freude und Erleichterung darüber – und natürlich gibt es ein Danke.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die größten Unterschiede zwischen Ihrer Arbeit als Homöopathin in Ihrer Praxis in Bielefeld und der Arbeit mit Flüchtlingen?

Auch in meiner Praxis begegnen mir immer wieder Patienten mit traumatisierenden Erfahrungen. Damit ein Trauma heilen kann, ist neben adäquater naturheilkundlicher und/oder schulmedizinischer Behandlung und einer Traumatherapie eine sichere Lebenssituation das Allerwichtigste. Die Flüchtlinge leben jedoch weiterhin in großer Unsicherheit bezüglich ihrer Zukunft in Deutschland, oft mit großer Angst um Familienangehörige in ihren Heimatländern.             

Zwar bessern sich oft schnell die vordergründigen belastenden Symptome, aber ein tiefergehender Heilungsprozess braucht Zeit, da immer wieder neue Aufregungen, Unsicherheiten und Belastungen zu bewältigen sind. Ich bestelle die Patienten öfter ein, um den Verlauf besser einschätzen zu können. Schließlich kann ich von den Geflüchteten nicht erwarten, dass sie sich bei aufkommenden Fragen telefonisch an mich wenden. Die Behandlung mit Sprachmittlern ist für meine Praxis zwar ungewohnt, aber gut möglich. Im Kenia-Projekt habe ich schon viele Behandlungen mit Übersetzern gemacht.
    
Was nehmen Sie persönlich aus dieser neuen Aufgabe mit?  Sind Sie an persönlichen Grenzen gestoßen?
Ich komme mit Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen zusammen. Neben teilweise erschreckenden Einblicken in die Erlebnisse der Patienten erlebe ich freundliche, offene, starke, mutige und hoffnungsvolle Menschen, die eine Perspektive für ihr Leben suchen. Gerade diese Menschen mit dem, was ich kann, zu unterstützen, macht mir große Freude. Grenzen erreiche ich da, wo ich nicht mit einem homöopathischen Mittel helfen kann und in der Einsicht, dass so viel Grundsätzliches in ihrer Situation nicht durch meine Kügelchen zu heilen ist.

Wieviel Zeit investieren Sie wöchentlich in Ihre neue ehrenamtliche Aufgabe?
5 bis 6 Stunden.

Was empfehlen Sie KollegInnen, die beim Projekt „Homöopathie für Flüchtlinge in Deutschland“ mitmachen wollen?
Meine Empfehlungen:

  • Das bereits vorhandene Wissen über traumasensible Beratung und Behandlung in den von HOG angebotenen Fortbildungen auffrischen und vertiefen,
  • Kontakte zu Menschen, die mit Flüchtlingen arbeiten, aufnehmen,  
  • Ganz wichtig: Keine Angst haben, Geflüchtete zu behandeln. Die Anamnese ist vielleicht etwas anders als gewohnt, die homöopathische Arzneifindung jedoch oft durch die Deutlichkeit der Symptomatik nicht anders oder sogar leichter als sonst in der Praxis und
  • Sich mit KollegInnen im Projekt austauschen und an Intervision bzw. Supervisionsangeboten des Projektes teilnehmen. 

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Ansprechpartnerinnen

Dr. Maria Möller
Regina Mössner

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