Einblicke „Homöopathie für Flüchtlinge in Deutschland“ / Juli 2015

Im Gespräch mit Beate Ruttkowski, Heilpraktikerin aus Düsseldorf

Wann haben Sie mit Ihrer Arbeit für HOG begonnen – und seit wann arbeiten Sie aktiv mit im Projekt „Homöopathie für Flüchtlinge in Deutschland“?
Seit Sommer 2015 arbeite ich mit bei HOG, vorher beim medinetz- Düsseldorf. Dort habe ich Flüchtlinge ohne Papiere beraten und behandelt.

Hatten Sie bereits vor diesem Projekt Erfahrungen mit der Behandlung von traumatisierten Menschen?
Traumabehandlung ist seit Anbeginn meiner Arbeit ein wichtiges Thema. Die Dimensionen, die durch die Erfahrungen der Flüchtlinge offenbar werden, gehen jedoch über meine bisherigen Erfahrungen hinaus.

Aus welchen Ländern stammen die Flüchtlinge, die Sie seit Sommer 2013 behandeln, und wie sind sie in Deutschland untergekommen?
Bisher habe ich Menschen aus Kurdistan, Libanon und Marokko behandelt, die ohne Papiere hier bei Bekannten oder der Familie leben. Menschen mit offiziellem Aufenthaltsstatus, die zu mir in die Praxis kommen, stammen zum Beispiel aus Äthiopien und leben hier nach einer Zeit in Flüchtlingsunterkünften bereits in Wohnungen.

Wie haben die Flüchtlinge vor Ort von Ihrem Angebot in Düsseldorf erfahren?
Über meine Kontakte zu Vereinen, die sich für Flüchtlinge engagieren.

Wie erleben Sie die Offenheit der Flüchtlinge gegenüber naturheilkundlichen Angeboten?
Die Not ist oft so groß, dass die Menschen gar nicht so genau wissen wollen, was sie da einnehmen. Sie sind sehr dankbar für das Interesse an Ihrer Person. Menschen mit schweren Somatisierungsstörungen haben oft Angst vor Medikamenten, mit Naturmedizin ist es für sie manchmal etwas einfacher.

Welche Krankheiten und Beschwerden haben Sie bislang behandelt?
Angstzustände, Depressionen, Gynäkologische Beschwerden, Psychosomatische Schmerzen.

Wie lange dauert in der Regel das erste Gespräch, die Anamnese? Wie verständigen Sie sich mit den Flüchtlingen?
Die Erstanamnese dauert ca. eine Stunde. Wenn jemand nicht Englisch spricht, kommt eine Person zum Übersetzen dazu. Bisher haben die Patienten immer selber für eine Übersetzung gesorgt.

Behandeln Sie auch Kinder?
Natürlich. Sehr gerne.

Welcher Patient hat sie besonders berührt?
Eine Frau , deren Vater man zuvor getötet hatte, war aus einem Foltergefängnis in Äthiopien geflohen. Sie war schwanger und hatte hier einen Abort. Tagsüber schwieg sie und konnte nichts essen, nachts schrie sie im Schlaf. Bis sie sich überhaupt als Asylsuchende in einer Massenunterkunft melden konnte, musste sie mit Hilfe einer Gynäkologin, mit Homöopathie und Nachbarschaftshilfe ein wenig aufgebaut werden. Nach einer Odyssee durch verschiedene Unterkünfte, Kriseninterventionen in Beratungsstellen, psychologischen Gutachten und monatelangem Behördentheater hat sie nun eine Wohnung und kann Therapie machen.

Was war Ihr bislang größter Erfolg?
Es geht ihr endlich besser.

Welche Reaktionen erhalten Sie von den Flüchtlingen?
Bisher hatte ich es fast immer mit eher zurückhaltenden Menschen zu tun. Sie freuen sich und sind sehr respektvoll.

„Angebote, die nichts kosten, sind auch nichts wert“: Wie erleben Sie Wertschätzung, Termintreue und Zuverlässigkeit Ihrer Patienten?
Ich arbeite ja nicht in einer Unterkunft, sondern die Menschen kommen in meine Praxis. Dort verhalten sie sich wie alle anderen auch. Falls sie danach fragen, sage ich, die Behandlung sei durch Spenden gedeckt, damit sie sich mir gegenüber nicht in der Schuld fühlen. Tatsächlich bekomme ich auch gelegentlich Spenden.

Was nehmen Sie persönlich aus dieser neuen Aufgabe mit? Sind Sie an persönlichen Grenzen gestoßen?
Wenn man die Geschichten der Flüchtlinge hört, ist man auf ganz andere Weise mit dem Weltgeschehen konfrontiert. Es ist wichtig, sich nicht davon überrollen zu lassen, sondern immer wieder im eigenen Alltag zu Ruhe zu kommen.

Wieviel Zeit investieren Sie wöchentlich in Ihre neue ehrenamtliche Aufgabe?
2 bis 3 Stunden.

Was empfehlen Sie KollegInnen, die beim Projekt „Homöopathie für Flüchtlinge in Deutschland“ mitmachen wollen?
Wichtig ist die Vernetzung mit anderen Menschen oder Einrichtungen, die auch für Flüchtlinge arbeiten, damit man ein wenig Einblick in die sozialen und rechtlichen Umstände hat. Medizin für Flüchtlinge auf Globuli zu beschränken, wäre eine zu schmale Perspektive. Wir sollten – wie Hahnemann empfiehlt – auf die Heilungshindernisse schauen.

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