Einblicke „Homöopathie für Flüchtlinge in Deutschland“ / Juni 2015

Homöopathin Claudia Fröhlich berichtet in einem Gastbeitrag über das Projekt „Homöopathie für Menschen in Not – Hamburg“, das sie mit KollegInnen ins Leben gerufen hat.

 

Wann haben Sie mit Ihrer Arbeit für die Flüchtlinge begonnen – wie nahm das Projekt seinen Anfang?  

Im August 2013 kamen etwa 500 Menschen, vorwiegend afrikanische Männer aus Italien hier in Hamburg an. Sie hatten zwischen 300 und 500 Euro bekommen, sind in einen Bus gesetzt worden und waren plötzlich in HH. Niemand war zuständig! Die St. Paulikirche hat ihr Bänke ausgeräumt und Platz für die Menschen geschaffen. Es gab ganz viel Solidarität und großartigste Unterstützungen von der Bevölkerung. Davon habe ich gelesen. Ich lebte früher in Nürnberg, dort habe ich schon vor 15 Jahren eine Gruppe zur homöopathischen Behandlung von Flüchtlingen aufgebaut, dann an meinem Wohnort in Zirndorf über Jahre immer wieder traumatisierte Flüchtlinge behandelt. Deshalb dachte ich sofort: Da gehen wir hin, da können wir hilfreich sein. Ich fragte Birgit Rinke und Angelika Filip und sie waren dabei. Zu Anfang arbeiteten wir im Freien auf einer Steinmauer, dann brachten wir uns Campingtische und Stühle mit, später waren wir im Kirchenschiff – also mittendrin. Es war sehr beeindruckend zu erleben, wieviele Menschen kamen, um zu helfen, wie sich Gruppen bildeten und zu erleben, wie wir Teil des Ganzen waren. Am Anfang gab es einen unglaublichen Bedarf, wir arbeiteten oft 4 Stunden ohne Pausen in 2 bis 3 Gruppen. Es kamen Kolleginnen dazu und gingen auch wieder. Wir entwickelten ein Dokumentationssystem, wechselten uns ab, sprachen uns immer besser ab, wer was mitbringt, dabei hat, macht. Birgit, Angelika und ich waren das erste halbe Jahr immer, jede Woche, mit dabei.

Hatten Sie bereits vor diesem Projekt Erfahrungen mit der Behandlung von traumatisierten Menschen?

Ja, wie oben beschrieben und auch in meiner Praxis. Ich habe 2 therapeutische Ausbildungen und mehrere psychologische Fortbildungen.

Aus welchen Ländern stammen die Flüchtlinge, die Sie im Rahmen dieses Projektes behandeln, und wie sind sie in Deutschland angekommen und untergekommen?

Vor allem aus Ghana, sonst hauptsächlich generell aus Afrika.

Wie haben die Flüchtlinge vor Ort von Ihrem neuen Angebot in Hamburg erfahren?

Wir waren da, wo sie sind, leben, essen, schlafen... einfach mit ihnen und mittendrin.

Wie erleben Sie die Offenheit der Flüchtlinge gegenüber naturheilkundlichen Angeboten?

Völlige Offenheit! Sie kennen eigentlich hauptsächlich Naturmedizin und nannten uns natural doctors.

Welche Krankheiten und Beschwerden haben Sie bislang behandelt?

Erkältungen (sehr viel), Husten, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten (Milch! Afrikaner vertragen oft keine Milch), eitrigste Hautausschläge, Folgen von Malaria, Traumata.

Wie verständigen Sie sich mit den Flüchtlingen? Wie lange dauert in der Regel das erste Gespräch, die Anamnese?

Wir sprechen Englisch oder Französisch. Je nach Andrang, wenn ganz viele da waren, waren es auch kurze Gespräche von 15 bis 20 Minuten. Wenn nötig aber auch mal ´ne Stunde, selten länger.

Das Schicksal welches Patienten hat sie besonders berührt?

Es kam ein Patient zu uns mit blauen Flecken. Er war sehr verstört, wollte nicht so recht sagen, was war, bis er dann erzählte, dass er 2 Nächte davor hier in HH in einem U-Bahnhof zusammengeschlagen wurde. Er war 2 Jahre älter als mein Sohn, 19 Jahre. Ist relativ unbeschadet von Ghana über Italien hierher gekommen, um in einen der reichsten Städte Deutschlands zusammengeschlagen zu werden. Er konnte noch nicht mal zur Polizei gehen: Denn er hatte keine Papiere und wäre sofort abgeschoben worden. (Der Patient kam später dazu, zu den Lampedusa-Flüchtlingen mischten sich alle möglichen „Bedürftigen“.) Da habe ich geheult, vor Wut, vor Scham und vor Mitgefühl. Ich habe ihm Staphisagria gegeben. Und Arnikasalbe für die Wunden und Hämatome. Wahrscheinlich hätte ich in dem Moment auch Staphisagria gebraucht (Folge von Entrüstung).

Ein 21-jähriger Mann erzählt mir von seiner Bootsüberfahrt. Sein Freund ist neben ihm gestorben, sie hatten kein Wasser und kein Essen. Er selbst hat Salzwasser getrunken – und wusste, es würde ihm schaden. Aber er hatte so, so Durst und dann war ihm alles egal! Deshalb kam er auch zu uns, er hatte schlimme Magenschmerzen. Phosphorus hat ihm insgesamt gut geholfen.

Ein Mann aus Ghana, 50 Jahre alt, er kam, weil er glaubte, hier gibt es Arbeit und er kann für sich und seine Familie ein besseres Leben schaffen. Er hat Papiere für Italien, eine Arbeitserlaubnis dort, es gibt aber keine Arbeit in Italien für Schwarze. Er ist in HH ohne Papiere und ohne Unterkunft. Die Notunterkünfte sind voll, er schläft unter Brücken, in LKWs oder gar nicht! Er ist sehr einfach, er weiß auch nicht, wo es Essen umsonst gibt, wie er sich in den Notunterkünften einen Platz verschaffen kann. Ich besorge Adressen und gebe Tipps. Die Schwarzen sind in der hierarchischen Ordnung der Obdachlosen ganz weit unten! Er ist so alt wie ich und es ist beschwerlich, im Freien zu schlafen, eine Nacht im Gehen zu verbringen.?Er sagt: Ich hab mich verlaufen – ich wusste nicht wirklich, wie es hier ist. Jetzt würde ich gerne wieder heim, aber ich habe kein Geld für den Flug, verliere mein Gesicht dort und weiß nicht, was ich machen soll. Sein Sohn ist 8 Jahre und sollte unter anderem auf eine gute Schule gehen können mit dem erhofften Geld. Ich versuche, einen Job für ihn zu finden – es gibt auch hier nichts. Die Strafen sind zu hoch, um Menschen ohne Papiere arbeiten zu lassen. Ich lasse ihn gelegentlich bei uns übernachten, essen und duschen und in meinem Garten arbeiten. Dieser Kontakt ist der einzige, den ich in mein Privatleben hineingenommen habe. Er bringt mich an meine Grenzen.

Was war Ihr bislang größter Erfolg?

Woran soll ich das messen? Da müsste man den Obdachlosen, dessen Erkältung nicht 3 Wochen, sondern nur 2 Tage dauert, fragen. Oder den Mann mit dem eitrigem Zahn, ihm lief das Eiter pur aus dem Mund, er hatte Schmerzen, dass er weinte. Wir fuhren ihn einfach nur zum Zahnmobil, eine Einrichtung für Obdachlose, wo sich Ehrenamtliche um Zähne kümmern. Oder der 21-jährige, der nachts alle in der Kirche wachgeschrien hat mit seinen Alpträumen. Ich finde diese Menschen leben unter so anderen Bedingungen als wir, dass es schwer ist zu sagen, was ein Erfolg ist. Es gibt in deren Leben andere Bedeutungen.

Welche Reaktionen erhalten Sie von den Flüchtlingen?

Sehr gute! Sie mögen uns. Wir sind Teil der großen Hilfen.

„Angebote, die nichts kosten, sind auch nichts wert“: Wie erleben Sie Wertschätzung, Termintreue und Zuverlässigkeit Ihrer Patienten?

Nichts kosten ist nicht das Problem. Diese Menschen sind aus anderen Kulturen. Dort sind Zeit und Termine in anderen Wertigkeiten. Sie haben zum Teil solche Sorgen um Essen, Schlafen und die Zukunft, dass sie auch Termine und Verlässlichkeiten nur schwer halten können.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die größten Unterschiede zwischen Ihrer Arbeit als Homöopathin in Ihrer Praxis in Hamburg und der Arbeit mit Flüchtlingen?

Die Sprache. Dazu sind die meisten noch weniger an die Beschreibungen gewöhnt, die wir als Homöopathen brauchen. Modalitäten sind sehr schwer abzufragen oder eigentlich gar nicht, das war der größte Unterschied.

Was nehmen Sie persönlich aus dieser neuen Aufgabe mit? Sind Sie an persönlichen Grenzen gestoßen?

Ich habe viele Erfahrungen mit Kolleginnen gesammelt, die eine ganz andere Richtung der Homöopathie durchführen, das war sehr lehrreich und interessant. Ich habe neue Kontakte geknüpft, es sind Freundschaften entstanden, oder haben sich gefestigt durch gemeinsames Tun.

Meine Grenzen waren: die Organisation einer so großen Gruppe, dass immer wieder Leute dazukamen, sich einarbeiten ließen, Verbindlichkeiten zugesagt haben und die nicht eingehalten haben, schließlich wegblieben. Es war oft schwierig, einen gemeinsamen Konsens zu finden, was Treffen, Abmachungen, Handhabung mit Dokumenten, PC-Arbeit anging.

Wieviel Zeit investieren Sie wöchentlich in Ihre ehrenamtliche Aufgabe?

5 bis 8 Stunden mindestens. Mal mehr, mal weniger.

Was empfehlen Sie KollegInnen, die beim Projekt „Homöopathie für Flüchtlinge in Deutschland“ mitmachen wollen?

Sie sollten sich vorher überlegen, was sie wollen und ob sie Zeit und die nötigen Ressourcen mitbringen. Das heißt auch Teamfähigkeit, Computerkenntnisse – und natürlich Traumawissen und Homöopathie.

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Regina Mössner

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