Das Hebammen Projekt

Um acht Uhr morgens erwarten uns 27 Hebammen und drei Krankenschwestern aus Lamu und Umgebung zum ersten Seminar auf dem luftigen Dach eines Hauses.

Amina sieht müde aus. Ihr Tag begann bereits um 4.00 Uhr mit der Versorgung ihres gelähmten Ehemanns und ihrer Kinder, bevor sie zum zweistündigen Eselsritt nach Lamu aufbrechen konnte.
Ihre Augen strahlen trotz der Müdigkeit Präsenz und Wissensdurst aus. Wie auch andere Hebammen, die neben dem Seminar bei der Versorgung der Familie und bei der Feldarbeit gebraucht werden, kommt sie die nächsten Seminartage regelmäßig.
Erwartungsvoll und neugierig wird das erste HOG-Ausbildungsteam beäugt. Doch schnell entsteht eine offene und lebendige Atmosphäre. Die Hebammen machen es uns leicht. Sie zeigen uns ihre Rezepte gegen aufkommende Müdigkeit und Konzentrationsschwäche. „Arnica“ wird zum Ohrwurm gedichtet und komponiert, und temperamentvolle Tänze vertreiben wirksam die lähmdenen Geister der Denkschwäche.
Die Hebammen sind zwischen 25 und 80 Jahren alt, meist Analphabetinnen. Sie unterstützen sich gegenseitig, begegnen einander mit viel Respekt und ohne Konkurrenz.

Besonderheiten der Lehrmethoden

Symbolkarte Belladonna
Symbolkarte Secale

Die Arbeit mit Analphabeten ist für uns ein gänzlich unbekanntes Feld und somit eine große Herausforderung.

Symptome als Symbole

Wir haben für die einzelnen Symptome eines Arzneimittels Symbole entworfen, die den Hebammen auf laminierten Kärtchen ausgehändigt werden. Auf der Rückseite der Kärtchen steht der Text auf Suaheli und Englisch. Diese Methode hat sich bestens bewährt.
Es wurden bisher 25 Arzneimittelbilder unterrichtet. Die Mittel wurden den Hebammen in geeigneten kleinen Arzneitaschen, die vor Ort angefertigt wurden, zur Verfügung gestellt.
Nach Abschluss einer zweijährigen Akutausbildung sind die Hebammen dazu befähigt, die erlernten homöopathischen Mittel zu differenzieren und bei akuten Problemen rund um die Geburt einzusetzen. Dafür bekamen sie ein Zertifikat ausgehändigt, welches nun die Wände der Hütten schmückt und das Ansehen der Hebammen steigert.

Schauspiel, Gesang und Bilder

Ein schriller Schrei durchdringt die Mittagshitze von Lamu. Rehema wirft den Kopf wild nach hinten, starrt mit beängstigend großen Augen in die schwüle Luft und kämpft mit tierischen Gebärden gegen scheinbar unmäßige Schmerzen. Afua will sie festhalten, doch Rehema schlägt deren Hand energisch weg. Sie verlangt nach einer Decke und reißt sich gleichzeitig das Tuch vom Kopf. Hysterisch greift sie nach einer Flasche Wasser, trinkt aber nur einen winzigen Schluck.
Dem Geschehen wohnen 28 Hebammen bei, die nun tuschelnd beraten, welches Mittel diesen unerträglichen Schmerz besänftigen kann.
Endlich die Erlösung: Ein großer Teil der Hebammen hat sich für „Bella Donna“ entschieden und zeigt das Kärtchen in die Runde. Rehema kann sich wieder entspannen und das wilde Schreien wird von schallendem Gelächter abgelöst. Die Emotionen können am wirksamsten beim Gesang abkühlen. Yumbe dichtet sogleich den Belladonna-Song und ihre hohe Stimme bekommt durch das rhythmische Klatschen der anderen einen festen Boden.

Die sorgfältige Beobachtung von Symptomen am Patienten gelingt den Hebammen immer besser. Wichtig ist die häufige Wiederholung und Einprägung der Arzneimittel anhand von Fällen, Differenzialdiagnosen und das Auffrischen der Kenntnisse vom Beginn der Ausbildung.
Die Symbole sind dabei die Arbeitsgrundlage der Hebammen. Sie treffen sich regelmäßig in kleinen Arbeitsgruppen und lernen gemeinsam deren Deutung. Sie denken sich Geschichten zu den Arzneimitteln aus, führen erlebte Fälle vor. Die Themen der einzelnen Mittel übertragen sie auf ihre eigene Lebenskultur. Faszinierend sind ihre schauspielerischen Begabungen bei den Falldarstellungen. Über das körperliche Erleben wird das Gelernte tief im Gedächtnis verankert.
Auch die Schilderung von Gemütszuständen kommt nicht zu kurz.

Das Wissen ist weit gestreut – von guten differenzierten Verschreibungen bis hin zu intuitiven Gaben.
Auffällig ist die hohe Motivation der Hebammen. Sie zeigt sich besonders am regelmäßigen Erscheinen zu den einzelnen Seminaren und am außerunterrichtlichen Lernen in den Arbeitsgruppen.
Zu Hause lassen sie sich von lesekundigen Kindern oder Enkeln die Symptome auf der Rückseite der Kärtchen vorlesen. In einigen Fällen wurde auf diese Weise das Wissen von der Großmutter an die Enkelin weitergegeben.

Berichte einiger Hebammen

Häufigste Komplikationen sind Geburtsstillstand, Blutungen vor und nach der Entbindung, Brustentzündungen. Sterilität, Placenta Retention, Beschwerden rund um die Menses…
Alle möglichen Beschwerden der Neugeborenen – Atemstörungen, Schleimrasseln durch Schlucken von Fruchtwasser, Schwäche, Verweigerung der Milch, Ikterus, Blaufärbung, Krämpfe…
Auch Schlangenbisse, Hundebisse, Stiche von Rochen und sonstige Verletzungen werden von den Hebammen behandelt.
Nach einigen spektakulären Erfolgen mit Arnika bei Blutungen und Ledum bei Schlangenbissen hat sich die „heilende Kraft der kleinen Kügelchen“ rasch in Lamu und Umgebung herum gesprochen. So besteht auch von offizieller Seite aus ein großes Interesse an weiterem vertieftem Unterricht und an einer Verbreitung der Homöopathie, nicht nur für Hebammen.

Ansprechpartnerinnen

Birgit Atzl
Janina Huppertz

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(= Kiswahili)

 

 

KENIA

Amtssprache Swahili und Englisch
Hauptstadt Nairobi
Fläche 580.367[1] km²
Einwohnerzahl 38.610.097 (2009)[2]
Bevölkerungsdichte 66,5 Einwohner pro km²