Reisebericht Mai 2002

Schon auf dem Hinflug bekommt man einen Eindruck vom heutigen Mazedonien: KFOR-Soldaten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, geduldige Frauen mit Kopftuch und geschminkte Mädchen in engen Hosen, Albaner und Mazedonier.

Einer unserer Patienten erzählt: „Ich könnte die Albaner umbringen, wegen des Krieges, aber meine Freundin ist Albanerin, einige meiner Freunde auch, und sie sind keine schlechten Menschen.“ Ein Land der Konflikte, v.a. wenn jemand Öl aufs Feuer schüttet. Dann lodern Hass und Vorurteile, Unverständnis und Patriotismus.
Unsere SchülerInnen, unsere PatientInnen und wir Lehrer, die Homöopathen aus Deutschland, sind ständig damit konfrontiert. Ich lerne, damit umzugehen, und weiß, dass es noch lange dauern kann.

Seit März 2001 läuft der Unterricht, mit Unterbrechung wegen des Krieges. Einmal im Monat fährt jemand von Homöopathen ohne Grenzen nach Skopje um zu unterrichten und im Ambulatorium mit den SchülerInnen zu arbeiten.
Ich bin zwei Mal da gewesen und sie haben mich erobert, unsere Schülerinnen und Schüler. Extrem gastfreundlich und sehr offen, hilfsbereit und mit einem großen Herzen, jeder behält aber seine Individualität: es gibt die glühende Patriotin, welche die Albaner nicht ausstehen kann, es gibt die Frau, die ihr ganzes Leben nur geschuftet hat und jetzt entdeckt, dass sie auch ein Recht hat zu lernen, es gibt die Kinderärztin, die hofft gesündere Kinder zu sehen, es gibt den dankbaren Sohn, der seine alte Mutter in die Behandlung bringt, damit sie wieder Freude am Leben hat, es gibt die Ärztin, die mir eine kleine Ikone von Sankt Klimens schenkt (ich heiße Clementina), damit er mich beschützt.

Alle sind vom Krieg direkt betroffen, die Arbeitslosigkeit ist extrem hoch (50%), nicht alle haben ein gesichertes Einkommen, manche können sich keine Bücher leisten. Aber alle möchten ihrem Land helfen und hoffen, dass die Homöopathie eine Chance für eine bessere Gesundheit in Mazedonien sein wird.
Viele haben richtig Feuer gefangen, für sie ist die Homöopathie der zentrale Punkt in ihrem Leben geworden. Was mich so beeindruckt ist, wie stark sie sich für ihr Land engagieren, sie fühlen sich als PionierInnen in Mazedonien.
Durch ihre starke Motivation werden die Unterrichtsstunden zu einer wunderbaren Erfahrung für mich, weil diese Gruppe so intensiv lernt, und für sie auch weil sie gierig nach jedem Wort sind, weil sie jede neue Information richtig aufsaugen und sich freuen, Neues zu lernen.
Freizeit wird klein geschrieben, wenn wir in Skopje sind: am Wochenende läuft der Unterricht, die Universität stellt uns Räume zu Verfügung und eine wunderbare Dolmetscherin übersetzt unermüdlich und mit viel Fingerspitzengefühl.

An den anderen Tagen arbeiten wir in der Lehrpraxis: es geht nicht darum, viele Patienten zu behandeln, sondern Sinn der Sache ist, mit den SchühlerInnen zu besprechen, wie eine Krankengeschichte aus homöopathischer Sicht analysiert wird, warum ein bestimmtes Mittel angezeigt ist, was bedeutet ein bestimmter Krankheitsverlauf, usw. Dann ergeben sich immer so viele Fragen, weil ihr Interesse wächst und wächst.
In den Pausen muss ich mich zum Glück nicht um das Essen kümmern, denn die SchülerInnen bringen mir etwas mit und ich lerne die mazedonische Küche kennen: Sarma (Kohlblätter mit Reis oder Fleisch gefüllt), Burek (Blätterteig mit Spinat und Käse), Ajvar (geröstete Paprikaschoten, zu einer Paste verarbeitet und für den Winter haltbar gemacht).

Hinter der Praxis ist der Markt, wo ich morgens gerne hingehe, um frisches Obst zu kaufen. Die eisige (im Januar) bzw. angenehm kühle Luft (in Mai) ist eine gute Vorbereitung zu den vielen Praxisstunden. Ich schaue die alten Leute an, die mit zwei Obstkisten als Tisch, am Rande des Markets etwas verkaufen: Kräuter, Kleidung, Haushaltwaren, und kann nicht vorbeischauen.
Die Marktleute, die echten Händler, sind neugierig, weil ich eindeutig aus dem reichen Westeuropa komme, bieten mir ihre Ware an, versuchen mit mir zu reden.
Nach meiner Marktrunde, kehre ich in die Praxis zurück, in meiner Einkaufstasche, neben Obst der Saison, Kräuterbündel in jeder Farbe für meine FreundInnen in Berlin.
Und mit den Farben des Markts in den Augen und in der Seele, kann ich mich auf den Praxis-Tag einlassen.

Vielen Patienten konnte schon geholfen werden: z.B. einem Mann, der in tiefe Depression verfallen war und nur im Alkohol Trost fand, seitdem seine Frau ihn verlassen hatte. Heute fühlt er sich gut, braucht nicht mehr zu trinken und erzählt allen seinen Freunden, wie wunderbar die homöopathische Behandlung war. Oder einem Arzt, der seit Jahren von Migräne gequält, nur in starken Medikamenten Erleichterung fand, und heute frei von Beschwerden ist. Oder einer Frau, die ihre Arbeit aufgeben musste wegen starke Schulterbeschwerden, und heute, nach 4 Monaten Behandlung, eine 70%ige anhaltende Besserung erlebt.
Die SchülerInnen träumen schon davon, in der nahen Zukunft selbstständig zu behandeln und die Homöopathie in Mazedonien zu verbreiten. Ich träume mit, während wir im Strassencafè sitzen und aus dem Lautsprecher Shakira ertönt.
Wenn jemand mich fragt, was „Homöopathen ohne Grenzen“ ist, kann ich dies sicher beantworten: eine wunderbare und spannende Erfahrung.

Clementina Rabuffetti

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