In Mostar 1998

Reisebericht Oktober 1998

Das Plakat zu dem Buch
Ruine in Mostar 2011!
Park in Mostar
Alte Bilderwand in der Mostarpraxis
Die Stari Most 2011
Zerschossenes Schild
Frontline in Mostar


Nachdem ich meine letzten drei Aufenthalte in Mostar allein ohne Begleitung absolviert hatte, war ich diesmal froh, eine neue Kollegin einarbeiten zu dürfen. Die Reisen allein sind immer wieder Erfahrungen von großer Intensität durch die Konfrontation mit mir selbst, jedoch bin ich sehr froh all die Not und die schauderhaften Geschichten mit einer anderen Person teilen zu können, mich auszutauschen, denn wem sollte ich denn daheim angekommen davon erzählen. Welch glückliche Fügung, daß wir uns schon lange kennen, vieles miteinander erlebt haben, wir wissen, wir verstehen uns auch auf engstem Raum.

Es geht los ab Düsseldorf mit Air Bosnia nach Sarajewo. Air Bosnia ist die Fluggesellschaft Bosniens. Sie zeichnen sich durch ungewöhnliche Hilfsbereitschaft und Kooperationsfreudigkeit aus, bedingt durch häufige Flüge erhalten wir 20%, neuerdings sogar 30 % Preisnachlaß auf die ohnehin schon recht günstigen Tarife. Wer wollte da nicht in den sauren Apfel beißen und die abenteuerlichen, alten, ausrangierten Flieger russischer Herkunft in Kauf nehmen ?

Zugegeben, manchmal fällt es schwer. So dieses Mal: Meine Kollegin Elke leidet unter latenter Flugangst, die bei dem Anblick und dem Betreten der Maschine nicht eben gemildert wird. Das Interieur ist nur notdürftig instand gesetzt. Heute haben wir Pech mit dem Wetter: In ganz Deutschland regnet es tüchtig, wir haben eine sehr dichte Wolkendecke. Schaukeln und vibrierend steigen wir in die Lüfte und müssen, sehr zu unserem Leidwesen, in Stuttgart noch mal zwischenlanden. Doch schlimmer wird es dann kurz vor dem Landeanflug auf Sarajewo: Wir geraten in ein richtiges Unwetter. Ich versuche die übelkeitserregende Lage durch Geschichten zu entspannen, lasse mir belanglose Geschichten einfallen.

Trotz aller Schaukelei haben wir einen recht guten Piloten erwischt, der uns recht sanft in Sarajewo landen läßt. Tja, leider immer noch in Sarajewo, wo Mostar doch einen inzwischen wieder instand gesetzten Flughafen hat. Nur leider können sich die Parteien nicht einigen, wer die Kontrolle über den Flughafen haben sollte. Daher starten und landen in Mostar nur sehr sporadisch Flugzeuge.

Wir werden durch sturzbachähnliche Regenfälle begrüßt, so daß wir nur mit 40 km/h nach Mostar weiterkommen, was weitere 4 Stunden Fahrt bedeutet. Endlich in Mostar angekommen ist es bereits dunkel und wir sind gerädert. Etwas schuldbewußt zeigt Nusret uns den Terminkalender für den nächsten Tag. In dem Wissen, daß Elke eine erfahrene Homöopathin ist, hat er dem Druck der Patienten nachgegeben und für uns beide die Woche komplett ausgebucht. Üblicherweise versuchen wir es so einzurichten, daß neue Kollegen zunächst ein paar Tage zusehen und sich einfinden dürfen.

Doch es kommt am nächsten Tag ganz anders: Der Regen dauert an; aufgrund der fehlenden Kanalisation haben sich Mostars Straßen zum Teil in reissende Bäche verwandelt, einige Wohnungen stehen bereits unter Wasser, wie auch bei unserer Vermieterin. Sie lebt direkt unter uns. Viele Menschen wagen sich nicht auf den Weg zu unserer Praxis. Es kommen an diesem Tage daher nur die Hälfte der angekündigten Patienten; schön für Elke, die so die Chance hat, sich an die Geschichten und die Arbeit mit Übersetzer zu gewöhnen.

Die Mittagspausen nutzen wir zum "Beine vertreten", ich zeige Elke die Stadt. Seit zweieinhalb Jahren bin ich regelmäßig hier und für mich ist es interessant, die Stadt durch die Augen von jemandem zu sehn, der sie das erste Mal sieht. Es hat sich mittlerweile viel verändert. Unermüdlich wird der Wiederaufbau betrieben. Hier und da erblüht Mostar in neuen wunderschönen Farben, die erahnen lassen, wie es einmal gewesen sein muß. In beiden Teilen gibt es zuverlässig Strom und Wasser, die Straßenlaternen funktionieren, so daß man nicht mehr im Dunkeln durch die löchrigen Straßen stolpern muß.

Und die Menschen? Eine Art depressive Normalität hat sich breitgemacht unter der Bevölkerung. Man hat sich an den Frieden gewöhnt, jedoch die Frustration ist groß. Es scheint sich nichts mehr zu verändern: Es gibt keine Arbeit und die Löhne reichen kaum, um die Familien zu versorgen und die hohen Mieten zu bezahlen. Wichtige Forderungen des Daytoner Abkommens sind noch immer nicht erfüllt, was zur Folge hat, daß die Flüchtlinge aus den umliegenden Gebieten weiterhin die Stadt bevölkern.

Dazu gesellen sich mittlerweile die aus dem Ausland rückkehrenden oder abgeschobenen Flüchtlinge. Sie bleiben in Städten wie Mostar hängen, denn ihre Sicherheit wird ihnen in ihren Heimatdörfern noch nicht gewährt. Wiederholt ist zu hören, daß Häuser von Flüchtlingen aus den besetzten Orten einfach gesprengt werden wenn die ursprünglichen Besitzer Anstalten machen zurückzukehren ... !

Wir lernen durch unsere Patienten die zum Teil inhumane Abschiebepraxis in Deutschland kennen. So zum Beispiel ein etwa knapp 60 jähriger Bosnier, der uns im August aufsuchte. Er hatte sich in Deutschland einer Bauchoperation unterzogen, wegen starkem Krebsverdacht. Dabei wurden ihm ein künstlicher Blasen- und Darmausgang gelegt. Der Krebsverdacht bestätigte sich dann jedoch nicht. Normalerweise werden die künstlichen Ausgänge unter diesen Umständen wieder reponiert.
Dazu kam es in seinem Fall allerdings nicht: Er wurde vorher abgeschoben. In Mostar wurde er dann mit der Tatsache konfrontiert, daß die Stuhl und Urinbeutel nirgendwo erhältlich sind. Er verfügte nicht über die finanziellen Mittel für eine erneute Operation in Sarajewo und mußte seine Beutel daher immer wiederverwenden und auswaschen. Die behandelnde Kollegin Elisabeth Godfrin war schockiert und zutiefst beschämt von der unmenschlichen Bürokratie in Deutschland.
Es lag auf der Hand: Mit oder ohne Homöopathie würde dieser Mensch womöglich einer Sepsis erliegen. Normalerweise engagieren wir uns nicht in der Organisation solcherlei Hilfsgüter, denn die Erfahrung hat gezeigt, daß ist ein Faß ohne Boden, welches unsere Möglichkeiten übersteigt und nicht unser Ziel sein soll. In diesem Fall siegte das Mitgefühl: Es gelang uns auf verschlungenen Pfaden die benötigten Beutel zu beschaffen.

Es war diesmal neu, mit noch mehr Menschen in der Praxis zu arbeiten: Bei den meisten Anamnesen sitzt nun auch noch eine(r) unserer SchülerInnen dabei und schreibt mit. Die Arbeit muß nun anders strukturiert werden, damit genügend Zeit bleibt, auf die Fragen der SchülerInnen einzugehen.

Für mich war es eine große Freude, auf die zum Teil sehr aufmerksamen und klugen Kommentare einzugehen und die Begeisterung in den Mienen der Schüler zu sehen. Damit sind wir nun unserem Ziel schon ein gutes Stück näher gekommen.

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In Bosnien und Herzegowina stimmten im März 1992 bei einem von Serben weitgehend boykottierten Referendum, bei 63 % Wahlbeteiligung, 99,4 % für eine staatliche Souveränität.

So erklärte das Land am 2. März 1992 seinen Austritt aus dem Staatsverband von Jugoslawien und ist seither eine unabhängige Republik. Die internationale Anerkennung erfolgte am 17. April 1992.

Darauf folgten drei Jahre Krieg zwischen serbischen, kroatischen und bosniakischen Einheiten. Am Ende des Krieges stand der 1995 in Dayton, USA paraphierte und in Paris am 14. Dezember unterzeichnete "Dayton-Vertrag", der die föderale Republik Bosnien und Herzegowina schuf.