Einblick Ruanda November 2018

Einblick Ruanda November 2018

Unsere erste Reise nach Ruanda, die zugleich meine erste Reise nach Afrika und mit HOG war, fand Anfang Oktober 2018 aufgrund einer Anfrage von Theoneste Buginga statt. Theo, wie wir ihn liebevoll nannten, hatte zusammen mit Scholastique Uwingabire (Schola) einen Online-Kurs für Homöopathie über eine britische Homöopathieschule besucht und mit Zertifikat beendet, während sich eine weitere Bekannte, Francoise Musabyimana (Fanni), noch in der gleichen Ausbildung befand. Und er hatte eine Vision: Ein Gesundheitszentrum mit homöopathischem Schwerpunkt, in dem jedoch auch andere alternative Therapieformen integriert werden sollten. Er erstellte uns schon im Vorfeld einen ausführlichen Plan inklusive Kostenplan. Die Kontakte mit ihm waren sehr angenehm. Er organisierte die Unterkunft und legte uns einen ausführlichen und detaillierten Plan unseres Besuches vor, bei dem ich mich fragte, wie wir in dieser kurzen Zeit alles bewältigen sollten. Also verlängerten wir den Aufenthalt vorsorglich um einige Tage.

Als wir – Matthias Strelow, Elisabeth von Wedel und ich – Ruanda am 1. Oktober in der Nacht erreichten, wurden wir herzlich von Theo empfangen. Diese Herzlichkeit und Freundlichkeit, die uns in Ruanda überall begegnete, ließen in mir das Gefühl entstehen, aufgehoben zu sein, ein wohliges Gefühl von Vertrautheit, das auch blieb, als ich am nächsten Tag das pulsierende Leben in Afrika erstmals erleben und genießen durfte. Theo, in seiner freundlichen und unaufdringlichen Art, begleitete uns bis zum Ende unserer Reise ständig, führte uns in die Gepflogenheiten Ruandas ein. Wir erlebten mit ihm wunderbare Tage und Abende mit langen und intensiven Gesprächen.

Theo war auch dann nicht enttäuscht, als wir ihm, Schola und Fanni beim ersten Perspektivtreffen klar machten, dass HOG ein medizinisches Gesundheitszentrum mit einem finanziellen Volumen von 240.000 Euro aus verschiedenen Gründen nicht finanzieren wird. Ein weiteres Anliegen, die Etablierung der Homöopathie in Ruanda und die Möglichkeit der Behandlung mit Homöopathie, blieb als primäres Ziel bestehen. Am Folgetag fand ein Treffen mit medizinisch und politisch wichtigen Personen des Landes statt, hierunter dem Leiter der traditionellen Heilerinnen und Heiler, einem Allgemeinarzt, einem Psychotherapeuten und einem Wissenschaftler mit Verbindung zum Gesundheitszentrum – alles hervorragend organisiert von Theo, der dann auch gleich die Übersetzung in Kinyarwanda (der ursprünglichen Sprache in Ruanda) übernahm. Die Homöopathie und HOG wurden dieser Gruppe vorgestellt, die Atmosphäre war locker und entspannt. Die Gruppe war an der Homöopathie sehr interessiert und es wurden viele Nachfragen gestellt. Man spürte einen Geist von Aufbruch, wie er überall in Ruanda vorhanden ist. Diese Menschen wollen etwas ändern und schaffen. Der verheerende Genozid des Jahres 1994 mit einer Millionen Toten hat dieses Land erschüttert, aber auch aufgeweckt. Dieses Treffen bahnte uns in der Folgezeit viele Wege.

Der Genozid und die Aufarbeitung dieses furchtbaren Traumas war und ist in Ruanda allgegenwärtig. So trafen wir in der Folgezeit Simon Gasibirege, der als Psychologe ein psychologisches Zentrum leitete, das Gruppentherapien zur Aufarbeitung des Genozids durchführt. Von diesem und von anderen psychiatrisch erfahrenen Ärztinnen und Ärzten sowie Pflegekräften erhielten wir Einblick in die psychiatrischen Leiden der vom Genozid Betroffenen und den folgenden Generationen, die (obwohl nicht direkt betroffen) unter einem Folgetrauma leiden. Uns wurde unsere eigene Geschichte als vom Völkermord betroffene Deutsche bewusst. Und vielleicht ist es diese Geschichte, die uns im Besonderen mit diesem afrikanischen Land verbindet. Aber während in Deutschland der Genozid an den Juden erst eine sehr späte Aufarbeitung erfuhr und sich Altnazis noch in etlichen wichtigen Ämtern problemlos einrichten konnten, begannen die Menschen in Ruanda direkt nach dem Völkermord mit einer sehr offenen und ehrlichen Aufarbeitung und es entstanden an einigen Orten Genozid-Gedenkstätten. Dennoch ist die psychiatrische Versorgung erschreckend. Wir besuchten ein völlig überfülltes psychiatrisches Krankenhaus, in dem zur Behandlung der Schizophrenie fast ausschließlich Haldol eingesetzt wird mit entsprechenden schweren Nebenwirkungen. Und die Patientinnen und Patienten werden völlig überdosiert, wohl um Aggressivitäten in den viel zu engen und überfüllten Einrichtungen zu unterbinden. Denn es gab lediglich einen Psychiater, der in der Hauptstadt Kigali und der 3 Stunden Autofahrt entfernten Stadt Butare für mehrere Tausend Patientinnen und Patienten verantwortlich war.

In der Folgezeit trafen wir uns mit verschiedenen Verantwortlichen und hatten letzten Endes mehrere Optionen, die Homöopathie an institutionelle Einrichtungen anzubinden. Ein besonders wichtiges Treffen fand an unserem letzten Abend mit Justin Kabera statt, einem Wissenschaftler mit Beziehungen zum Gesundheitsministerium. Dieser erklärte uns, dass ein Gesetz zur Reglementierung der Komplementären Heilkunde kurz vor der Fertigstellung steht. Über diesen wurde unser Antrag, die Homöopathie in diesem Gesetz zu verankern und damit in Ruanda homöopathisch tätig sein und Homöopathie lehren zu dürfen, an das Gesundheitsministerium herangetragen. Eine Entscheidung steht noch aus.

Als wir Ruanda verließen, taten wir dieses mit dem guten Gefühl auf offene und an der Homöopathie interessierte Menschen getroffen zu sein. Wir haben in diesem Land Unterstützerinnen und Unterstützer aus verschiedenen Bereichen getroffen, Menschen, die für dieses Land etwas bewegen wollen. Letzten Endes liegt es nun am Gesundheitsministerium, ob wir den Weg, den wir gemeinsam mit unseren Partnern und mittlerweile auch Freundinnen und Freunden in Ruanda eingeschlagen haben, gehen können. Und Theo? Nun, Theo mussten wir leider verständlich machen, dass die homöopathische Online-Ausbildung, die er absolviert hat, wenig mit einer klassischen homöopathischen Ausbildung zu tun hat. Wir mussten ihm erklären, dass vor einer Behandlung mit Homöopathie, die wir unterstützen, eine fundierte homöopathische Ausbildung stehen muss. Und so ist es unser Ziel, die drei bereits homöopathisch Vorgebildeten weiter auszubilden und die Homöopathie als Ausbildung in Ruanda anzubieten. Es wären genügend Interessenten da, denn allein der Leiter der traditionellen Heiler, ein sehr eindrucksvoller Mann, der die große Chance der Zusammenarbeit erkannte, hat uns bereits 120 Schülerinnen und Schüler genannt. Wir hoffen, dass dieses Projekt eine Zukunft hat und wir die Menschen in Ruanda auf ihrem Weg mit der Homöopathie unterstützen dürfen.

 

Silvia Anna Brinkmann

 

 

Ansprechpartnerin

Elisabeth von Wedel

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