Die erste Reise: Sarajevo im November 2003…

Reisebericht November 2003

Gedenktafeln in Sarajevo
Universität und Sarajevo
Elisabeth von Wedel

Donnerstag, der 10.11.2003, dies ist der Beginn eines neuen Zyklus im Rahmen unserer Arbeit in Bosnien-Herzegowina (nachfolgend BiH). Für mich persönlich ein wichtiger Start, denn wenn sich unsere Idee realisieren lässt, dann ist das genau das Ziel, das wir einige Jahre zuvor in Mostar vor Augen hatten. Die Gesellschaft für klassische Homöopathie in BiH hat eingeladen: es soll eine dritte Generation HomöopathInnen ausbildet werden. Kollegen vor Ort trauen sich diese Ausbildung allerdings noch nicht alleine zu und bitten daher um Unterstützung. Die Verhandlungen zu diesem Projekt laufen nun schon seit fast einem Jahr mit dem Ergebnis dass die Organisation vor Ort als Veranstalterin dieser Ausbildung fungieren wird. Dies unterstreicht die Position dieser Organisation und ist ein wichtiger Schritt zur Unabhängigkeit. Außerdem werden dabei bereits ausgebildete bosnische Homöopathen die Gelegenheit haben, ihr Wissen an die neuen Schüler weiterzugeben - unter unserer Supervision, so dass es am Ende nicht nur eine weitere Generation ausgebildeter HomöopathInnen gibt, sondern auch eine Gruppe gut ausgebildeter Lehrer.

Nun endlich ist es soweit: ich trete die erste Reise an und starte den Ausbildungszyklus. Habe ganz typisch bosnisch keine wirklich genaue Idee was und wer mich erwartet, es heißt also hineinspringen und schauen was die Situation vor Ort zu bieten hat.
Wie bei fast allen meinen Reisen nach Bosnien ist es auch diesmal kein leichtes wirklich dort anzukommen: in Hamburg erfahre ich durch Zufall dass der Flug Wien / Sarajevo aufgrund der schlechten Wetterlage gestrichen wurde. Also eine Nacht in Hamburg bleiben und hoffen dass am Freitag in der Früh die Wetterlage eine bessere ist. Die neue Reisezeit ist auch nicht gerade die bequemste, es geht schon sehr zeitig am nächsten Morgen weiter. In Wien angekommen bewahrheitet sich mein Verdacht: das Wetter zeigt keine Verbesserung, aber man beschließt einen Anflug dennoch zu versuchen und im Zweifelsfalle nach Wien zurückzukehren. Nun denn, in solchen Fällen hilft nur grenzenloser Optimismus, die Veranstaltung sollte am Freitag Nachmittag beginnen und es werden einige Leute warten.

Nach einer sicheren Landung empfängt mich ein aufpoliert glänzender Flughafen mit Granit- boden und unwillkürlich kommt die Erinnerung zurück an meine erste Landung 1997 kurz nachdem der Flughafen wieder eröffnet war. Damals war das Flughafengebäude kaum als solches zu erkennen; man stolperte durch aufgehängte Plastikplanen über noch umgestürzte Stühle zu improvisierten Abfertigungsschaltern. Die wohlbekannte Dunstglocke mit der Sarajevotypischen Geruchsmischung aus verbrennendem Abfall und Kohle nimmt meine Nase in Beschlag.
Am Ausgang werde ich von Dina erwartet, eine Homöopathin der ersten Generation in Sarajevo, sie ist für mich für Abholen und Bringen zuständig. In ihrem uralt klapprigen Passat geht es gleich auf in die Stadt und da mein Flieger Verspätung hatte bleibt auch keine Zeit mehr: Unsere Adepten für die Trainerausbildung warten schon.
Ich kann es kaum fassen, haben wir mit maximal sechs Leuten gerechnet, so sitzen mir nun 17 höchst gespannte und interessierte bosnische KollegInnen gegenüber. Und mir wird verkündet, fünf weitere konnten leider diesmal nicht kommen. Durch eine erste Vorstellungsrunde erfahre ich, dass man in Sarajevo in ?Generationen? unterteilt: englische KollegInnen haben zwei Gruppen unterrichtet, eben die erste und die zweite Generation. Alle die mir gegenübersitzen haben sich der klassischen Homöopathie verschrieben, praktizieren auch und freuen sich auf den nächsten Schritt der sie nun erwartet. Wir nutzen den Abend um das Prozedere dieser Ausbildung zu besprechen. Im Anschluss an dieses Treffen geht es gleich weiter: eine Sitzung mit dem Vorstand der Organisation, es sind noch unzählige offene Fragen und organisatorische Dinge zu klären, was sich allein durch emailkontakte dann doch nicht machen lässt.
Der Vorstand das sind Seila und Momir, zwei Ärzte aus Sarajevo und Nusret unser alter Schüler aus Mostar. Er ist über alle Maßen stolz, berichten zu können dass auch für Samstag eine stattliche Anzahl von Leuten erwartet wird.
Wir vier scheinen auf Anhieb ein gutes Team zu bilden: in netter lockerer Atmosphäre gelingt es uns leicht alle offenen Fragen zu klären. Die drei haben in den letzten Monaten hervorragende Vorarbeit geleistet, so dass sich alles ganz wunderbar fügt. Es ist für mich so anrührend zu erleben in welch positiver Aufregung sie sich befinden. Es ist für die Gesellschaft ein großer Wurf diese Ausbildung eigenverantwortlich veranstalten zu können und zu wissen dass sie in Zukunft auch eigene Lehrer zur Verfügung stellen werden.
Auch am Samstag werden meine Erwartungen wieder übertroffen: in einem schönen großen Raum welchen uns das örtliche Hospital zur Verfügung gestellt hat, hat sich eine Gruppe von fast 40 Menschen versammelt. Die ausgeteilten Fragebögen ergeben dass es sich bei 70% um Ärzte oder medizinisches Personal handelt, fast alle haben bereits in irgendeiner Form Erfahrung mit Homöopathie und freuen sich auf die Ausbildung. Die Mehrzahl hat klare berufliche Vorstellungen bezüglich der Homöopathie. Bessere Voraussetzungen können wir uns gar nicht wünschen!
Wir erleben gemeinsam ein anregendes Einführungswochenende, die Gruppe glänzt durch richtig gute Fragen.

Am Ende meiner Reise erlaube ich mir noch einen kurzen Abstecher nach Mostar, unsere alten Wirkungsstätte. Nusret und Nermin unsere ehemaligen Übersetzer und Schüler haben dort neue Praxisräume bezogen, die ich mir unbedingt ansehen soll.
Was ich zu sehen bekomme rundet das ganze Wochenende ab. Die beiden haben großzügige repräsentative Räume gefunden, zentral gelegen und so geschnitten dass sie sich sowohl als Lehrpraxis als auch als Vortragsräume wunderbar eignen. Das ?Homeopatija Centar Mostar? hat sich inzwischen gut etabliert. Ein gemeinsamer Rundgang durch die Stadt zeigt mir mit wie viel Liebe zum Detail die Altstadt wieder errichtet wird. Mostar zeugt zumindest in diesem Teil der Stadt schon fast wieder von seiner einstigen Blüte.
Starimost die alte Brücke ist schon fast vollständig restauriert- ein schlanker Bogen fügt Ost und West wieder zusammen ? noch gestützt von Gitterwerk und Betonpfeilern.
Dieser Anblick ist für mich ein Sinnbild dessen was ich an diesem Wochenende erlebt habe.
Viel ist inzwischen geschehen, die Homöopathie findet breite Resonanz in BiH und schon bald wird sie sich hierzulande aus eigener Kraft weiterentwickeln wie auch die Brücke sich aus eigener Kraft über die Neretwa schwingt.

(Elisabeth von Wedel

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1984 fanden die Olympischen Winterspiele in Sarajevo und den Gebirgen seiner Umgebung statt.

Seit 1992 ist Sarajevo die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina. Dessen Unabhängigkeitserklärung von Jugoslawien führte zum Bosnienkrieg, in welchem Sarajevo heftig umkämpft war.
Die Stadt Sarajevo hat 304.000 Einwohner, im Großraum Sarajevo leben ungefähr 500.000 Menschen. Damit ist Sarajevo das einwohnerreichste städtische Zentrum des Landes.


Während des Krieges in Bosnien war Sarajevo in einen von der Regierung Bosnien und Herzegowina kontrollierten bosniakisch-kroatischen und einen von der Republika Srpska kontrollierten serbischen Teil geteilt, die sich gegenseitig beschossen. Der von den Regierungstruppen kontrollierte Teil, zu dem unter anderem das Stadtzentrum und die Altstadt gehörten, wurde genau 1425 Tage lang belagert.


Die Belagerung begann am 5. April 1992 und ist die längste Belagerung in der Geschichte der Stadt. Der Stadtkern von Sarajevo war vollständig umzingelt. Der Belagerung und den Kämpfen fielen nach Angaben der Regierung Bosnien-Herzegowinas 10.615 Menschen aller Volksgruppen zum Opfer, unter ihnen 1.601 Kinder. Durch Granaten, Minen oder Scharfschützen wurden rund 50.000 Menschen teilweise schwer verletzt.

Noch mehr Hintergründe zu dem Krieg in Bosnien finden Sie in unserer Buchdokumentation über das Projekt in Mostar.