"Sarajevo ist die schönste Stadt…"

Reisebericht Sommer 2004

Seila unterrichtet
Tafel
Unterricht von Arijana
Lucija, exzellente Übersetzerin!

"Sarajevo ist für mich die schönste Stadt", sagt eine deutsche Patientin schwärmerisch, "jedenfalls war sie das vor 15 Jahren, als ich mal eine Weile dort war."

Sarajevo heute: eine quirlige Großstadt der starken Kontraste. Ankommen am Flughafen, kilometerweit fahren durch Vororte mit Hochhaussiedlungen. Sozialistischer Wohnungsbau in Reinkultur, Einschusslöcher zuhauf. Die Kriegsschäden auf Schritt und Tritt zu sehen. In der Innenstadt: alte Pracht, in die Jahre gekommen, zerfallen oder geschmackvoll renoviert neben modernen Gebäuden. Die Altstadt mit türkischem Einfluss, zahlreiche Minarette prägen das Stadtbild.

Die Orientierung in der Stadt ist leicht. "Du kannst nicht verloren gehen in Sarajevo!." Das Tal, der Fluss, die umliegenden Berge. Wir gehen mit unserer Gastgeberin zum Seminarort. "Von dort oben haben sie geschossen, wir waren hier unten schutzlos beim Überqueren der Straße, haben uns angewöhnt zu huschen wie die Mäuse, immer die Angst im Nacken". Auch heute, fast 10 Jahre nach dem Krieg, sind die Erinnerungen wach und allgegenwärtig. Kaum ein Gespräch, ein Spaziergang ohne Geschichten aus dem Krieg. Immer wieder darüber reden, das ist notwendig und hilfreich.

Wir erleben dies auch beim homöopathischen Arbeiten: Keine Anamnese, keine Krankengeschichte ohne die Themen des Krieges. Bei all der Unterschiedlichkeit, wie die Menschen hier den Krieg erlebt haben, ist doch allen gemeinsam: Es waren prägende Jahre, die ihre Spuren hinterlassen haben. Mehr oder weniger bewusst, mehr oder weniger ausgesprochen. Manchmal nur umschrieben: "Unsere Wohnung wurde okkupiert und wir wurden von den Besatzern psychisch und physisch malträtiert", protokolliere ich mit. Wir haben verstanden: Bitte nicht weiter nachfragen. Reicht unsere Fantasie, sich auszumalen, was hinter diesen Worten verborgen ist?

Homöopathie in Bosnien: Ein zartes Pflänzchen zunächst, als 1997 die ersten KollegInnen von HOG in Mostar eine Praxis einrichteten, sie 4 Jahre lang führten und neben Hunderten von Behandlungen die erste Homöopathie-Ausbildung anboten. Später dann die zweite Generation, ausgebildet von der englischen Schwesterorganisation. Inzwischen ist aus dem zarten Pflänzchen eine aufstrebende Organisation geworden: Die Bosnische Gesellschaft für Homöopathie. Das Wissen um die Homöopathie verbreitet sich.

Es gibt zahlreiche Praxen und eine große Anzahl von Interessierten. Seit Ende 2003 wird eine neue Basisausbildung durchgeführt, mit 40 hochmotivierten TeilnehmerInnen aus Sarajevo und Umgebung. Nach den ersten Monaten Grundlagenunterricht wird inzwischen auch eine Lehrpraxis in kleineren Gruppen angeboten, teils in Sarajevo - (noch) von HOG geleitet -, teils in der gut laufenden Praxis in Mostar, die längst von Schülern der ersten Stunde übernommen worden ist.

Der Unterricht erfolgt im team-teaching, zunächst überwiegend von uns HOG-GastlehrerInnen aus Deutschland gehalten. Inzwischen werden mehr und mehr bosnische KollegInnen in den Unterricht miteinbezogen. Das Ziel: nach drei Jahren die fortgeschrittenen HomöopathInnen so weit ausgebildet zu haben, dass einige eigenständig unterrichten, Arbeitsgruppen leiten, Lehrpraxis durchführen und auch in die Supervisionsarbeit hineinwachsen können.

Jeden Monat fahren wir zu zweit für eine Woche zum Unterricht nach Sarajevo: 2 Tage Lehrerausbildung, 2 Tage Grundausbildung und 2 Tage Lehrpraxis für die AnfängerInnen. Ein volles Programm, das uns vielfältig fordert. Neben dem homöopathischen Wissen vermitteln wir das pädagogische und kommunikative Know-how. Das Unterrichten in einem anderen Kulturkreis erfordert Umdenken, Innehalten, Flexibilität. Fordert und macht Freude. Bringt Erfüllung, weil wir sehen: Über alle Unterschiede hinweg gibt es eine gemeinsame Sprache: die Homöopathie. Die Regeln, das Gedankengebäude und die Grundlagenwerke sind gleich. Das Wundern und die Dankbarkeit über die Heilkraft dieser kleinen "kuglitza?, wie die homöopathischen Globuli auf bosnisch genannt werden, verbindet uns. Über die Grenzen hinweg. Schafft Freundschaften, schafft Frieden. Den berühmten Tropfen auf den heißen Stein.

Vor der Abreise ein letzter Spaziergang, ein letzter Kaffee in der Lieblingskneipe. Wunderschöne Parks mit altem Baumbestand. Die durften nicht gefällt werden, auch wenn Holz noch so sehr Mangelware war im Krieg. Was ein Glück, für die Menschen, für die Stadt heute. Sarajevo, du Schöne!

Rosemarie Kaiser
Ausbildungsleitung Sarajevo

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1984 fanden die Olympischen Winterspiele in Sarajevo und den Gebirgen seiner Umgebung statt.

Seit 1992 ist Sarajevo die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina. Dessen Unabhängigkeitserklärung von Jugoslawien führte zum Bosnienkrieg, in welchem Sarajevo heftig umkämpft war.
Die Stadt Sarajevo hat 304.000 Einwohner, im Großraum Sarajevo leben ungefähr 500.000 Menschen. Damit ist Sarajevo das einwohnerreichste städtische Zentrum des Landes.


Während des Krieges in Bosnien war Sarajevo in einen von der Regierung Bosnien und Herzegowina kontrollierten bosniakisch-kroatischen und einen von der Republika Srpska kontrollierten serbischen Teil geteilt, die sich gegenseitig beschossen. Der von den Regierungstruppen kontrollierte Teil, zu dem unter anderem das Stadtzentrum und die Altstadt gehörten, wurde genau 1425 Tage lang belagert.


Die Belagerung begann am 5. April 1992 und ist die längste Belagerung in der Geschichte der Stadt. Der Stadtkern von Sarajevo war vollständig umzingelt. Der Belagerung und den Kämpfen fielen nach Angaben der Regierung Bosnien-Herzegowinas 10.615 Menschen aller Volksgruppen zum Opfer, unter ihnen 1.601 Kinder. Durch Granaten, Minen oder Scharfschützen wurden rund 50.000 Menschen teilweise schwer verletzt.

Noch mehr Hintergründe zu dem Krieg in Bosnien finden Sie in unserer Buchdokumentation über das Projekt in Mostar.