Die große Herausforderung - Lehrer und Supervisoren ausbilden

Training of Trainers

Nada, Lehrerin und Supervisorin
ToT Training
Supervisionsexamen mit Rosemarie
Slavica unterrichtet
Seila unterrichtet
Diplom für Supervision, Jadranka
Diplom für Supervision Ratko

Von Anfang an fanden wir die Projektidee sinnvoll: da gibt es in Bosnien eine Reihe von praktizierenden Homöopathinnen, die ihre Grundausbildung und Ende der 90er Jahre bei deutschen, englischen oder niederländischen DozentInnen absolviert haben. Über die Jahre wurden immer wieder Seminare und Weiterbildungen mit ausländischen HomöopathInen organisiert. Es gab jedoch keine Schulen oder Institute, um eigenständig ausbilden zu können.

So entstand die Idee des ToT mit integrierter Supervisionsausbildung.
Innerhalb von 2 ½ Jahren, so war die Planung, sollte eine Gruppe bosnischer HomöopathInnen ausgebildet sein, sodass sie als LehrerIn für Homöopathie selbst Grundausbildungen und Seminare organisieren und durchführen könnten, und vor allem auch die Supervision der jungen KollegInnen dann selbst übernehmen könnten.

Die Herausforderung für uns als HOG-Projektgruppe war, für ein solches Ausbildungsformat ein Curriculum zu entwickeln und eine Gruppe mit unterrichtserfahrenen KollegInnen zusammenzustellen, die einen solchen Lehrplan umsetzen konnten. Wir haben von Anfang an unser Projekt als Pilotprojekt verstanden, mit dem wir Neuland betreten und wo wir noch nicht auf gemachte Erfahrungen zurückgreifen konnten.

Auch in Deutschland gab es zu Projektbeginn – in 2003 – noch keine Weiterbildungsgänge für das Lehren und die Supervision in der Homöopathie. Wir, die wir in Deutschland unterrichten, haben uns zumeist autodidaktisch auf diese Aufgabe vorbereitet, sozusagen „teaching by doing“, unsere Vorerfahrung aus Studium (Psychologie, Sozialpädagogik z.B.), Berufstätigkeit und Weiterbildungen boten uns die Grundlage dazu.

Bevor ich im Folgenden das teacher-training beschreibe, möchte ich einen Überblick über einen typischen Bosnien-Einsatz geben:

Einmal Bosnien und zurück:
Mittwoch: Anreise: Flug, Ankommen, erste vorbereitende Gespräche
Donnerstag: Besprechungen mit der Trainer-Gruppe, ToT-Training
Freitag: Lehrpraxis I
Samstag: Grundausbildung
Sonntag: Grundausbidlung
Montag: Lehrpraxis II
Dienstag: Besprechungen mit der Trainer-Gruppe, ToT-Training
Mittwoch: Rückreise

Die ToT-Gruppe:
Zunächst nahmen 16 HomöopathInnen am ToT teil, eine große Gruppe, mit unterschiedlichen Vorerfahrungen – mehr oder weniger viel Praxistätigkeit, Grundausbildungen bei unterschiedlichen Schulen, mehr oder weniger Weiterbildung.

Es galt zunächst, die Ziele des Projektes zu vermitteln, und die Motivation zu klären. Wollten alle 16 Teilnehmenden Lehrer oder Lehrerin werden, oder war das Projekt einfach eine gute Möglichkeit, vor Ort weiter „an der Homöopathie“ dran zu bleiben.?

Im Laufe des ersten Projektjahres stabilisierte sich die Gruppe auf 12 Teilnehmende, später verließen dann noch zwei weitere die Gruppe, und die verbleibenden 10 waren bis zum Schluss dabei und schlossen ab mit dem Lehrer-Examen, 8 von ihnen absolvierten das Supervisionstraining.



Phase I – Orientierung, Gruppenfindung und Hospitation

2 Tage standen uns mit der Trainer-Gruppe pro Monat zur Verfügung, mit einem straffen Programm.

Am Donnerstag standen jeweils die letzten Vorbereitungen für das jeweilige Wochenende und der Lehrpraxis an.
Die Trainer waren angehalten, an den Wochenenden in der Grundausbildung zu hospitieren, um mit dem neuen Blick als erfahrene HomöopathInnen und angehende LehrerInnen dem Unterricht zu folgen.

Wir besprachen also den Lehrplan für das Wochenende, unsere Lehrziele, den methodischen Aufbau.

Daneben begannen wir mit ersten Übungen, die auf die neue Rolle als LehrerIn vorbereiten sollten: einen kleinen Vortrag halten, der auf Video aufgenommen wurde, mit Wissensvermittlung zu methodischen Themen oder über Gruppendynamik und psychologische Zusammenhänge, Wahrnehmungsübungen etc.

Und ein Supervisionsfall aus ihrer Praxis wurde jeweils von den Teilnehmenden eingebracht und von uns supervidiert.

An den Dienstagen stand dann zunächst die Reflexion des Wochenendes an, die Weiterführung des Supervisionsfalls (wo als Hausaufgabe die eigene Bearbeitung /Repertorisation erwartet wurde), und weitere Planungen für die kommenden Wochenenden sowie ggf. Fortsetzungen der Übungen bzw. der Wissensvermittlung.

Ein volles Programm, das uns oft an die Grenzen gebracht hat. So viel Inhaltliches, so viel Neues auf der Ebene der Kommunikation, der Gruppendynamik.

(das Thema der interkulturellen Kommunikation war manchen von uns zu Projektbeginn noch nicht so klar als Herausforderung bewusst).



Phase II – die angehenden Trainer beginnen mit ersten Unterrichtseinheiten

Etwa ab dem 2. Jahr der Grundausbildung begannen die Trainer, eigene Unterrichtserfahrung zu machen: Sie wählten ein ihnen vertrautes Thema aus – entweder ein Theoriethema oder eine Arzneimittelpräsentation – und zeigten sich in ihrer neuen Rolle vor der Gruppe. Zunächst ließen wir die Präsentationen im geschützten Rahmen des ToT-Trainings „üben“, später genügte es, den Aufbau der Unterrichtseinheit, die inhaltliche und die methodische Planung mitteilen zu lassen.

Es war eine große Freude, die bosnischen KollegInnen beim Unterrichten zu erleben. Hier konnte die Unterschiedlichkeit gezeigt und ausgelebt werden, wahre Unterrichtstalente zeigten sich. Langsam entwickelten alle ihren Stil, ihre Art der Präsentation, ihre Methodik.

Die logistische Aufgabe war, durch die zunehmende Übernahme von Unterrichtsteilen durch die ToTs, eine gute Seminarplanung zu machen, d.h. über Monate vorauszuplanen, und für das jeweilige Wochenende eine präzise Feinplanung zu machen, ohne die Spontaneität wegzunehmen.
Auch hier lernten die zukünftigen KollegInnen mit der Zeit, ein Gespür dafür zu bekommen, wie lange eine Unterrichtssequenz benötigt, wie und wann ein Methodenwechsel vorzunehmen ist, um die Lern-Gruppe zwei Tage zu fordern, aber nicht zu überfordern.

Im Laufe der Jahre wurden weite Bereiche des Unterrichts durch die bosnischen KollegInnen abgedeckt, wir von HOG saßen aufmerksam dabei, übernahmen die Teile, wo unsere Erfahrung besonders gefragt war, vertieften und ergänzten, falls angebracht.

Unser Augenmerk war also bei beiden Gruppen: bekommt die Basisgruppe alles, was sie für eine gute Grundausbildung braucht, und bei der Lehrer-Gruppe: wie sind die Inhalte, wie ist die Art der Vermittlung, wo braucht es noch weitere Anregungen, Wissensvermittlung, Rückhalt?

Während der neun Monate, die ich als HOG-Gastlehrerin vor Ort war, konnte das teacher-Training noch weiter intensiviert werden:
Höhepunkt war eine einwöchige Seminarreise nach Montenegro, wo der Schwerpunkt das Lehrertraining war: Unterrichtsplanung, Methodentraining, didaktische Aspekte.
Geübt wurde das Gelernte gleich an Unterrichtsbeispielen, bei Arzneimittelpräsentationen, bei konkreten Planungen. Eine erfüllende Woche, die mir als Trainerin auch sehr viel Freude gemacht hat.

Die hier begonnene Arbeit setzten wir an ToT-Sonntagen fort. Endlich waren die ToT-Tage rund um die Unterrichts-Wochenenden entlastet, konnte ein ganzer Tag jeweils einem Thema gewidmet werden, z.B.

Unterrichtsformen: Frontalunterricht, Unterrichtsgespräch, Stillarbeit, Gruppenarbeit, Partnerarbeit. Wann setze ich welche Form ein, was ist zu bedenken, z.B. wie teile ich Gruppen ein, was mache ich mit den Ergebnissen?

Einzelgespräche mit den ToTs halfen, ihre Stärken zu benennen, sie zu unterstützen bei Unsicherheiten oder den erlebten „Schwächen“, und Examensthemen anzuvisieren.



Phase III – Examen als LehrerIn für Homöopathie

Nun war es an der Zeit, zu zeigen, dass ein mehrstündiger Unterricht vorbereitet und durchgeführt werden kann.
Themensuche, Materialbeschaffung, Ausarbeitung, das war die Arbeit im Vorfeld.
Unterrichtsdurchführung, das Vermitteln der Inhalte, das Eingehen auf Fragen oder Störungen, das war die Herausforderung, der sich die jungen KollegInnen stellen mussten.

Die ersten fünf Kolleginnen hatten ihre Lehrproben während der Sommerschule. Oberthema war: Nice animals – Tiermittel in der Homöopathie.
Es musste also thematisch passen und insgesamt eine gute Abfolge ergeben, mit uns zwei HOG-DozentInnen als die Rahmen gebenden, Moderierenden, Ergänzenden und Vertiefenden.

à Siehe auch Bericht von Elisabeth von Wedel über die Sommerschule in 2006

Die anderen fünf Examens-Präsentationen waren eingebettet in ein „normales Unterrichtswochenende in Sarajevo.

Und die Ergebnisse: die Präsentationen waren sehr unterschiedlich: Wir bewerteten nicht nach Noten, sondern lediglich, ob bestanden oder nicht, und bei drei der Examina mussten wir eine Wiederholung empfehlen, die dann als gute neue Chance, sich zu zeigen, genommen wurde und dann bestanden wurde.


Die zweite Etappe der Lehrer-Examen bestand aus der Darstellung eines Falles aus der eigenen Praxis. Ziel dieses Examens-Teils war, die Lehrenden zeigen zu lassen, dass sie in der Lage sind, einen Fall so aufzubereiten, dass sie die wesentlichen Aspekte einer Gruppe deutlich machen können und anschließend mit der Gruppe den Weg zur Mittelfindung gehen können. Wie lenke ich den Diskussionsprozess in einer Gruppe, wie ermuntere ich, wo grenze ich ein. Wann gebe ich was vor, wie viel Raum lasse ich der Gruppe. Wie begründe ich meine Mittelwahl? Wie vermittle ich den weiteren Prozess des Patienten mit dem gegebenen Mittel, wie zeige ich auf, dass ein Mittelwechsel nötig war?
Und dies alles in gutem Zeitmanagement.

Wieder waren zwei von HOG anwesend sowie die Teacher-Gruppe. Erfreulich war für uns zu erleben, dass die bosnischen KollegInnen inszwischen sehr gut beobachten und reflektieren konnten und gelernt hatten, sich gegenseitig eine wertschätzende und dennoch fundierte Kritik zu geben. Da war die Gruppe sehr gewachsen, und das erlebten wir als großen Erfolg unserer mehrjährigen Arbeit.

Mit Freude und Stolz nahmen die zehn frischgebackenen Lehrerinnen und Lehrer ihre Diplome in Empfang. Und wir alle – die bosnischen KollegInnen wie wir von HOG waren uns bewusst, dass wir etwas Neues geschaffen und geschafft haben: einen Weiterbildungsgang zum Lehrer und zur Lehrerin konzipiert und durchgeführt zu haben, und ihn mit viel persönlichem Einsatz an Zeit, Geld und Engagement zu durchlaufen und zu bestehen. Ein detailliertes Diplom, das in einem Zusatzblatt die einzelnen Teile der Ausbildung inhaltlich und mit Stundenzahl benennt, beschreibt dieses Neue.

Rosemarie Kaiser

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1984 fanden die Olympischen Winterspiele in Sarajevo und den Gebirgen seiner Umgebung statt.

Seit 1992 ist Sarajevo die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina. Dessen Unabhängigkeitserklärung von Jugoslawien führte zum Bosnienkrieg, in welchem Sarajevo heftig umkämpft war.
Die Stadt Sarajevo hat 304.000 Einwohner, im Großraum Sarajevo leben ungefähr 500.000 Menschen. Damit ist Sarajevo das einwohnerreichste städtische Zentrum des Landes.


Während des Krieges in Bosnien war Sarajevo in einen von der Regierung Bosnien und Herzegowina kontrollierten bosniakisch-kroatischen und einen von der Republika Srpska kontrollierten serbischen Teil geteilt, die sich gegenseitig beschossen. Der von den Regierungstruppen kontrollierte Teil, zu dem unter anderem das Stadtzentrum und die Altstadt gehörten, wurde genau 1425 Tage lang belagert.


Die Belagerung begann am 5. April 1992 und ist die längste Belagerung in der Geschichte der Stadt. Der Stadtkern von Sarajevo war vollständig umzingelt. Der Belagerung und den Kämpfen fielen nach Angaben der Regierung Bosnien-Herzegowinas 10.615 Menschen aller Volksgruppen zum Opfer, unter ihnen 1.601 Kinder. Durch Granaten, Minen oder Scharfschützen wurden rund 50.000 Menschen teilweise schwer verletzt.

Noch mehr Hintergründe zu dem Krieg in Bosnien finden Sie in unserer Buchdokumentation über das Projekt in Mostar.