Reisebericht April 2011

Am Morgen des 06. April 2011 beginnt unser erster Unterrichtstag in Makeni, der zweitgrößten Stadt in Sierra Leone und 2 Autostunden von der Hauptstadt Freetown entfernt. Im Polytechnikum der Stadt hat unsere Partnerorganisation, der Verein Sierra Leone  Baden-Württemberg, einen Unterrichtsraum angemietet, in dem wir in den kommenden 10 Tagen unterrichten werden.

Alle KursteilnehmerInnen kommen aus dem medizinischen Bereich – entweder haben sie ihre 3jährige Krankenpflegeausbildung bereits absolviert, oder stehen kurz vor der Abschlussprüfung. Am ersten Tag sind sie noch sehr zurückhaltend, stehen auf, wenn sie etwas sagen oder fragen wollen. Im Laufe der Unterrichtstage wird die Atmosphäre gelöster, die Kommunikation lebhafter und weniger steif. Jeden Tag werden mehr interessierte Fragen gestellt.

Die Unterrichtssprache Englisch ist für niemanden im Kurs die Muttersprache. Manchmal muss nach dem passenden Wort gesucht werden. Ein kleines Hindernis, das andererseits aber auch den präzisen Ausdruck schult.

Vormittags von 9 – 12 Uhr vermitteln wir die theoretischen Grundlagen der Klassischen Homöopathie. Wir wiederholen einiges, was bereits bei der letzten Novemberreise vermittelt wurde, unterrichten Akutmittel für die Behandlung von Verletzungen, fieberhaften Erkrankungen und Magen-Darm-Störungen. An theoretischem Wissen besprechen wir die Erhebung und Auswertung einer akuten Anamnese, die Verlaufsbeobachtung, sowie die Einschätzung der Patientenreaktionen auf ein homöopathisches Arzneimittel. Besonders die Anamneseübungen in Arbeitsgruppen betreiben die Schüler sehr ernsthaft und mit großem Vergnügen.

Für jeden Schüler haben wir das Organon mitgebracht, Grundlagenwerk der Klassischen Homöopathie. Wir sind beeindruckt, wie gut die Schüler mit der schwierigen Sprache Hahnemann‘s zurechtkommen und den Sinn einzelner Paragraphen in eigenen Worten wiedergeben können.

Am Nachmittag können jeweils einige der KursteilnehmerInnen die theoretischen Themen in der Lehrpraxis vertiefen. Diese befindet sich in dem kleinen Dorf Worreh Yeamah, in einer palmwedelüberdachten Hütte, die die Dorfbewohner extra für uns aufgebaut haben. Sogar ein Untersuchungsraum, der nicht von wartenden Patienten eingesehen werden kann, ist dabei. Unsere SchülerInnen übersetzen für uns aus der Landessprache Temne ins Englische. Wir sehen viele Patienten aus den umliegenden Dörfern mit Hernien, Augenerkrankungen als Folge tropischer Krankheiten und immer wieder klagen sie über Schmerzen im Kopf, Nacken, Rücken, Brustkorb, Lähmungen, Fieber, Parasiten …

An einem Sonntag besichtigen wir in einer kleinen Farmansiedlung die traditionelle Palmölproduktion. Das Palmöl als typisches regionales Produkt wird dort von Hand hergestellt. Die Palmfrüchte werden über dem Feuer erhitzt und dann in einem hölzernen Mörser gestampft, um das faserige Fruchtfleisch und die innenliegenden Steine aufzuschließen. Diese Fasermasse wird nochmals aufgekocht und anschließend gefiltert. Schließlich schwimmt das freigewordene dunkelrote Palmöl an der Oberfläche des Bottichs, wo es abgeschöpft und auf dem heimischen Markt verkauft wird. Palmöl wird hier überall in der Küche verwendet; auch wir können es reichlich genießen, was gelegentlich einen Bittertee zur Verdauung erforderlich macht.

Am vorletzten Tag herrscht große Aufregung: unsere TeilnehmerInnen schreiben ihren ersten Homöopathie-Test. Nicht nur wir, auch die SchülerInnen sind mit dem Ergebnis mehr als zufrieden: alle haben die Grundgedanken der Klassischen Homöopathie verstanden und die vorgestellten Arzneimittel gut gelernt. Abschließend verteilen wir genähte Rollapotheken mit Akutmitteln für die ersten eigenen Erfahrungen. Auf die spannenden Erzählungen dieser ersten unabhängigen Behandlungserfahrungen werden wir ein halbes Jahr warten müssen. Die Unpassierbarkeit der Straßen während der Regenzeit macht unsere nächste Reise leider erst wieder im November möglich.

Wir sind sehr dankbar für die Unterstützung durch unseren Kooperationspartner, dem Verein Sierra Leone Baden-Württemberg. Unser besonderer Dank gilt Mr. Konteh, der die Wege gebahnt hat und Mr. Mansaray, der mit seiner hervorragenden Organisation von Anfang bis Ende für eine reibungslosen Ablauf unserer Arbeit gesorgt hat.

Am meisten berührt hat uns die vertrauensvolle Freundlichkeit und Großzügigkeit, mit der uns gerade die ländliche Bevölkerung begegnet, ungeachtet ihrer doch oft schwierigen Lebensumstände.

Unsere Zeit in Sierra Leone vergeht wie im Fluge. Die KursteilnehmerInnen und PatientInnen warten schon darauf, dass wir im November wiederkommen. Eigentlich wollen sie uns gar nicht gehen lassen, um eine Woche verpassen wir die Feierlichkeiten zum 50.sten Jahrestag der Unabhängigkeit. Die Vorbereitungen dazu sind bereits in vollem Gange.

Ruth Rohde
Barbara Böttcher

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