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Die Macht der Bilder: Der Fotograf Mustafa Mokhtari

Mustafa Mokhtari: Die Macht der BilderDie HOG-Weihnachtskarte 2020 war ein Erfolg – nicht zuletzt wegen ihres Motivs, einer kunstvoll arrangierten Sonnenblume. Das Motiv verdanken wir Mustafa Mokhtari, einem aus Afghanistan stammenden Fotografen, der nach einer dramatischen Flucht seit rund fünf Jahren in Augsburg lebt. Dort kreuzten sich seine Wege mit Dr. Maria Möller, der Projektleiterin für „Homöopathie für Flüchtlinge in Deutschland“ – ein Projekt von HOG in Zusammenarbeit mit HiA. Wir freuen uns, in einem corona-gerechten schriftlichen Interview, das Dr. Maria Möller führte, mehr über Mustafa Mokhtari zu erfahren.

Steckbrief Mustafa Mokhtari ++ 1957 in Kabul geboren ++ Studium und Arbeit als Fotojournalist ++ Schwerpunkte Kultur und Politik ++  Stationen in den 1980er Jahren: Leiter der Fotografischen Abteilung des Ethnographischen Museums und des Nationalmuseums ++ persönlicher Fotograf des afghanischen Präsidenten ++ 1990er Jahre bis heute: Terror durch islamistische Gruppen wie die Taliban, 90% der Bewohner sind aus Kabul geflohen ++ Flucht im August 2015 ++ Stopps: Iran, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Österreich, Deutschland (München, Donauwörth) ++ Ab Oktober 2015 bis heute: neuer Wohnort Augsburg

 Sonnenblume

HOG: Herr Mokhtari, Danke für Ihre Bereitschaft zu einem Interview. Sie haben uns die Verwendung Ihres Sonnenblumenfotos großzügig geschenkt. Ganz herzlichen Dank dafür! Wer Sie kennt, der weiß, dass Sie immer mit der Kamera in der Hand anzutreffen sind…

Mustafa Mokhtari: Das stimmt. Ein Fotograf sollte wie ein Jäger sein, der immer seine Waffe dabei hat und auf den richtigen Jagdmoment wartet. Es sind kurze, besondere Momente, die ein Fotograf festhalten muss, und es hängt von seiner Fähigkeit ab, wie schön diese Momente festgehalten werden. Fotografieren ist meine größte Leidenschaft und daher bin ich immer bereit, diesen kurzen besonderen Moment aufzunehmen. Vor allem bin ich oft in der Natur unterwegs und liebe die Naturfotografie.  

 

HOG: In Deutschland ist die Sonnenblume mit Lebensfreude, Fröhlichkeit und Wärme besetzt. Was bedeutet die Sonnenblume für Sie?

Mustafa Mokhtari: Ich liebe Sonnenblumen. In Afghanistan ist die Sonnenblume das Symbol für Glück und Vitalität. In den meisten Häusern werden im Garten Sonnenblumen gepflanzt und die Menschen genießen deren Anblick über den Sommer.

      

HOG: Sie engagieren sich sehr für Geflüchtete und eine bessere Welt. Wir wissen durch unsere Projektarbeit, dass viele Geflüchtete nichts von ihrer Flucht erzählen möchten. Sie dagegen haben sogar Bilder von Ihrer Flucht ausgestellt. Wie ist es dazu gekommen?

Mustafa Mokhtari: Als Journalist sah ich es als meine Pflicht an, diese gefährlichen Routen zu fotografieren. Das war das schwierigste Fotoprojekt in meiner rund 40-jährigen Tätigkeit als Fotograf. Die Szenen der Einwanderung nach Europa wurden von vielen Fotografen aufgenommen, allerdings an sicheren Orten. Daher unterscheidet sich mein Fotoprojekt der Einwanderung von denen anderer Fotografen, weil ich selbst ein Teil dieses Einwanderungsstroms war. Meine Reise dauerte 35 Tage. Ich habe alles aus nächster Nähe erlebt und fotografiert. Es waren sehr schwierige Zeiten; Hunger, Panik und Todesangst, weil wir irgendwo im Nirgendwo waren. Mein schlimmstes und traurigstes Erlebnis war, als wir im Plastikboot im griechisch-türkischen Gewässer saßen und das Boot riss. Von den 70 Leuten überlebten nur um die 30 Personen. Die Leichen fanden wir nicht mehr. Selbst in Todesangst habe ich immer wieder fotografiert und als ich hier ankam, wollte ich die anderen Menschen an meinen Erfahrungen und Erlebnisse teilhaben lassen.

 

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HOG: Ihre dramatische Flucht endete schließlich in Augsburg. Wir sind Sie dort aufgenommen worden?

Mustafa Mokhtari: Ich wurde in Augsburg mit offenen Armen aufgenommen. Meine richtige Bekanntschaft mit den Augsburgern begann 2016 durch das Neruda Kulturcafe – ein wunderbarer und großartiger Ort, um neue Menschen und verschiedene Kulturen kennenzulernen. Ich wurde stets unterstützt und habe viele Fortschritte gemacht. Im Oktober 2017 wurde auf Initiative der Kültürtage Augsburg meine erste Fotoausstellung "Macht der Bilder" für zwei Monate im Neruda Kulturcafe eröffnet. Eine große Anzahl Augsburger haben sie besucht. Ebenso wurde ein Album meiner Bilder veröffentlicht. An dieser Stelle bedanke ich mich noch einmal bei den Kültürtagen Augsburg für ihr Engagement. 2017 wurde ich Mitglied im Orgateam der Kültürtage, die Zusammenarbeit ist eine große Ehre für mich. 2018 hatte ich eine weitere Ausstellung "Flucht und jetzt?". Augsburg ist eine besondere Stadt und meine zweite Heimat geworden. Ich liebe diese Stadt, sie ist sehr schön und sehr bunt.

 

HOG: Sie unterstützen viele Geflüchtete. Was brauchen die Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind?

Mustafa Mokhtari: Den Geflüchteten ist es wichtig, ein normales, friedliches und geregeltes Leben führen zu können. Sie wollen Teil der Gesellschaft sein oder werden. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass die Geflüchteten schnellstmöglich die Sprache lernen können, und dass es Programme gibt und Veranstaltungen – wegen Corona geht das alles ja leider derzeit nicht –, wo sie mit den "Einheimischen" zusammenkommen. So können sie die Sprache aktiv nutzen und üben. Nur der trockene sechsmonatige Sprachkurs oder das "100-seitige" Buch reichen nicht aus. Sprache ist das A und O und der wichtigste Schritt Richtung Integration. Die Geflüchteten haben auch das Problem, dass es teilweise extrem lange dauert, bis sie ein einigermaßen geregeltes Leben haben. Ich kenne zum Beispiel ein paar Leute, die zwar seit ein paar Jahren schon eine Aufenthaltserlaubnis haben, aber immer noch in notdürftigen Asylantenheimen wohnen. Sie finden einfach keine Wohnung zur Miete. Das führt zu Enttäuschung und bringt das Leben noch mehr aus dem Gleichgewicht. Weshalb ich selbst aktiv bin? Anderen Menschen zu helfen, die Hilfe brauchen, ist die Aufgabe eines jeden Menschen, der einen Sinn für die Menschlichkeit hat. Ich helfe gern, soweit ich kann, und habe Hochachtung für alle Menschen und Organisationen, die sich dies zur Aufgabe gemacht haben, zum Beispiel HOG. Wer anderen Menschen in Not hilft, ist dem Engel gleich und damit sind Frau Dr. Möller, ihr Team und alle Mitglieder von HOG gemeint. An dieser Stelle möchte ich mich im Namen aller Geflüchteten für ihren Einsatz und ihre Mühe bedanken und wünsche der gesamten HOG-Mannschaft viel Erfolg und Gesundheit.

 

HOG: Jetzt haben wir Corona, was verändert sich? Für uns, für Sie, für Geflüchtete?

2020 war ein tödliches Jahr für die ganze Welt. Die ganze Menschheit wurde durch die Corona-Pandemie in Angst und Panik versetzt. Privatsphäre wurde zerstört, Menschen entfernten sich voneinander – selbst die engsten Freunde meiden sich. Es ist nichts mehr, wie es mal war. Was die Geflüchteten betrifft, so können viele nicht mehr zum Sprachkurs etc. gehen. Viele hatten einfache Jobs, z.B. in der Gastronomie, die sie nicht mehr ausüben können. Wie schon erwähnt, wollen sie ein geregeltes Leben führen. Durch Corona verzögert sich dieser Prozess noch mehr. Das deprimiert im Laufe der Zeit. Ich hatte für 2020 eine große Fotoausstellung geplant, an der ich schon länger gearbeitet hatte. Sie fiel aus. Ich kann mir vorstellen, dass auch HOG seine Projekte im Ausland nicht beginnen oder fortführen kann.

 

HOG: Was sind Ihre Wünsche für Ihr Leben in Deutschland 2021?

Ich hoffe und wünsche mir, dass wir 2021 in der Lage sind, Corona zu besiegen bzw. in den Griff zu bekommen, so dass allmählich eine gewisse Normalität zurückkehrt. Und ich wünsche mir persönlich, wenn es dann soweit ist, dass meine Foto-Ausstellungen endlich stattfinden können.

 

HOG: Herzlichen Dank für Ihre Offenheit und Ihr großes Engagement. Wir wünschen Ihnen alles, alles Gute!

 

Das Interview führte Dr. Maria Möller

 

 

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