Erkundungsreise Lesbos | August 2021

Nach der Anfrage an HOG durch die griechische NGO Earth Medicine, gegründet und geleitet von der Physiotherapeutin Fabiola Velasquez, sind die Projektverantwortliche Beatrix Szabó und ich im August 2021 nach Lesbos gereist. Die Erkundungsreise, die einem möglichen HOG-Projekt vorangeht, wurde über Monate geplant. Das HOG-Team möchte in Zukunft vor Ort primär die Situation der Geflüchteten im Lager „Moria 2.0“ durch Behandlungen erträglicher machen, aber je nach Entwicklung auch Ausbildung anbieten. Natürlich soll es ergänzend eine „Homebase“ mit Projektmitgliedern geben, die sich um Finanzen, Organisation und alles andere kümmern, was im Hintergrund passieren muss. Die Arzneimittel und Instrumente für die Erkundungsreise verdankt HOG einer großzügigen Spende.

Unser erstes Kennenlernen mit der potenziellen Projektpartnerin Fabiola verläuft herzlich: Nach einer Praxisführung bekommen wir einen tieferen Einblick in die Situation der Menschen im Lager und

die örtlichen Gegebenheiten, die unsere Arbeit nicht leichter machen – ganz im Gegenteil. Es geht um Bürokratismus, die medizinische und humanitäre Versorgung der Geflüchteten, was es gibt und vor allem, was es nicht gibt. Genau das sehen wir am nächsten Tag mit eigenen Augen. Mangelnder Raum und fehlende sanitäre Einrichtungen machen eine Behandlung im Lager – so wie sie im Vorgängerlager Kara Tepe angeboten werden konnte – unmöglich. Fabiola holt die Geflüchteten zur Behandlung in ihre Praxis. Das bedeutet zusätzlich zu allen Therapieterminen auch stundenlanges Hin- und Herfahren mit dem Auto: Nicht, weil die Distanz zwischen Praxis und Lager so groß ist, sondern, weil es einfach unendlich dauert, sich mit dem großen Behindertentransportfahrzeug durch die schmalen Gassen der Inselhauptstadt Mytilini, wo die Praxis liegt, und die staubigen Wege des Lagers zu schieben. Das Ein- und Ausladen der schwerkranken Patienten nimmt viel Zeit in Anspruch, genau wie das Passieren der Eingangspforte. Das Lager ist eingezäunt und zusätzlich von einer Mauer umgeben. Polizeipräsenz gibt es Tag und Nacht. Große Scheinwerfer sorgen dafür, dass auch nachts nicht die Möglichkeit besteht, diese Grenze zwischen InselbewohnerInnen und Asylsuchenden zu überwinden.

Fabiola hat einen fixen Patientenstamm, der mit schweren körperlichen Beeinträchtigungen kämpft, fast alle sind angewiesen auf den Rollstuhl oder Krücken. Dafür ist der Untergrund im Lager definitiv nicht gemacht. Die Flächen, auf denen die Behausungen stehen, sind von Gräben umzogen, die stellenweise von Holzstegen überbrückt werden. Einen Rollstuhl von einer Seite auf die andere zu bringen, ist Schwerstarbeit. Das haben wir selber erfahren: Seit Tag 2 holen wir selbständig auch unsere PatientInnen in die Praxis und bringen sie nach der Behandlung wieder zurück. Überhaupt ist das ganze Lager für Menschen mit Behinderung eine Tortur, angefangen von den Kiesflächen über den Zugang zu medizinischer Versorgung bis hin zu den sanitären Anlagen, von Barrierefreiheit kann nirgends die Rede sein.

In unserer „mobilen Praxis“ in Fabiolas Räumen ist Improvisationstalent gefragt, um eine ruhige Atmosphäre für die Anamnesen zu schaffen. Am ersten Tag stehen bereits fünf Erstanamnesen im Plan. Zum Teil behandeln wir PatientInnen, die bei Fabiola in physiotherapeutischer Behandlung sind. Zum Teil sind es deren Angehörige und FreundInnen, NachbarInnen oder einfach Menschen, die zum Wagen kommen und um Hilfe bitten, wenn sie Fabiola sehen. Sie ist im ganzen Lager bekannt und beliebt. Die Fälle, die uns vorgestellt werden, sind dramatisch. Wir sehen schwere Pathologien, massiv traumatisiert sind alle. Verfolgung, Folter, Bombenangriffe, Krieg, die Flucht und viele andere schreckliche Erlebnisse haben tiefe Spuren hinterlassen. Wir behandeln PatientInnen jeden Alters: Schon Tag 1 liefert eine Bandbreite von fünf Jahren bis 60plus. Die Anamnesen finden alle mit ÜbersetzerInnen statt. Es sind keine Profis, das ist gar nicht bezahlbar, sondern Menschen aus dem Camp oder ehemalige CampbewohnerInnen.

Nach sieben Arbeitstagen in der Praxis und im Camp beginnen wir langsam, das ganze Ausmaß der menschlichen Katastrophe zu begreifen. Die Behandlungen im Camp, bei denen wir in die Container und Zelte der Menschen geladen werden, sind besonders schwer zu ertragen. Es gibt keine Privatsphäre, die Menschen leben in den seltensten Fällen nur als Familie zusammen, in der Regel sind mehrere Generationen in einer Einheit untergebracht, was auf ca. 15 Quadratmetern unweigerlich Konfliktpotenzial mit sich bringt. Die Ausstattung der Container ist rudimentär. Strom gibt es nur stundenweise, dann laufen Ventilatoren, um die Hitze ein wenig erträglicher zu machen. Wenn wir kommen, empfängt uns eine schier unglaubliche Gastfreundschaft, die Menschen sind dankbar und wertschätzend, dass wir uns Zeit nehmen und zu helfen versuchen. Wir sitzen am Boden, ohne Schuhe versteht sich, und obwohl die BewohnerInnen sich viel Mühe geben, die Unterkünfte sauber zu halten, sind Ungeziefer überall ein Problem.

Niemandem im Camp ist ein Ort für Abschied und Trauer gegeben. Fabiola hat uns den Friedhof gezeigt, auf dem verstorbene Geflüchteten liegen. Dabei kann man von Friedhof gar nicht sprechen: Es handelt sich um ein verdorrtes Stück Land, auf dem sie die Toten vergraben. Ohne, dass ihre Angehörigen wissen, wo sie sind. Ohne wirkliches Grab. An einigen Stellen gibt es einen Stein, teilweise handbeschrieben. Zu diesem Ort gelangt man nur durch ein Loch im Zaun, das Tor ist verschlossen.

Die medizinische Versorgung im Lager ist angespannt. Man wartet mitunter Monate auf einen Termin, beispielsweise für ein großes Blutbild oder eine spezielle Untersuchung. Bildungsangebote fehlen. Zwischen den Containern und Zelten wuseln unendlich viele Kinder in jedem Alter umher. Manche gehen in eine Schule, die außerhalb des Camps liegt, es gibt keine Kinderbetreuung. Dazu kommt die Endlosschleife, durch die jeder Asylantrag geht. Menschen, deren Antrag bereits bewilligt wurde, warten sehr lange auf ihre Papiere. All das sind große Themen, die zusätzlich belasten. Wir werden immer wieder damit konfrontiert. Umso bewundernswerter ist es, wie jeden Tag versucht wird, die Hoffnung nicht zu verlieren. Als wir uns zuletzt vor den Containern zweier Großfamilien aus Afghanistan, die wir behandelt hatten, auf Farsi verabschieden (mehr ein Versuch), hat es Applaus gegeben. Es war für alle ein schöner Moment, der die äußeren Umstände etwas verblassen ließ. Und wir hoffen, davon wird es noch viele, viele geben.

Susanne Berndl

 

 

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